Die Reise

der SY RESOLUTION von Januar 2023 bis März 2024

Der erste Teil der Reise von Mai bis Dezember 2022 ist hier nachzulesen, da stehen auch die technischen und weitere relevante Angaben:

06. Januar 2023, Mindelo (CV) 

 

Meine atlantische Crew, bestehend aus Peter und Corinna, ist schon vor mir angekommen, ich bin seit gestern wieder an Bord. 

Und wir betreiben power-shopping. Fast wei Tage komplettes power-shopping. Wir besuchen 10 verschiedene Supermärkte, in einem gibt es Butter, im anderen Hühnchen, einer hat Senf, einer Backpulver usw. Dann noch den Wochenmarkt, die Markthalle, den Fleischer, den Bäcker, den Baumarkt, zwischendurch gibt's ein Cachupa. Peter und Corinna bauen noch am Abend ein Obstnetz, damit das Boot auch ordentlich nach Blauwasser und Langfahrt aussieht. Frisches Trinkwasser, Salat und Lauchzwiebeln sowie das Geburtstagsfrühstück für Corinna stehen noch auf der Liste für morgen, dann geht's los. Der Passat soll die nächsten 10 Tage konstant und kräftig pusten, MANATEE wird uns ein Stück begleiten und dann auf Martinique zielen, während wir Grenada ansteuern wollen. 

Ich werde versuchen, von unterwegs kurze Emails zu senden, die Lui dann auf der Website veröffentlichen soll. Schaumermal! 

 08. Januar 2023, 1.970nm vor Grenada
 
 Wir betreiben power-sailing. Der Passat ist heuer a bisserl heftig. Und gestern hinter Santo Antão kommen die Wellen dann von beiden Seiten um die Insel herum, der Wind wird dagegen abgedeckt, totales Chaos. Uns wird allen übel, seit mehr als 15 Jahren füttere ich persönlich die Fische.
 In der Flautenzone geht wieder der Motor aus, da muß immer noch Wasser im Diesel sein. Aber ich warte auf leichtere Bedingungen, bei dem Theater will ich nicht in den Motorraum. 
 Wir haben viel zu viel eingekauft, bisher werden nur Wasser und Brot in geringen Mengen konsumiert. Peter beschwert sich über die Nordseewellen und will sein Geld zurück. Heute nimmt er doch die angebotene Cinnarizin und versucht sich an trockener Theorie.
 Für die 6Bft. reicht die ausgebaumte Genua, die Fock auf Steuerbord wird wieder eingerollt. Trotzdem fahren wir ein Etmal von 160nm. Die MANATEE ist hinter uns nicht mehr zu sehen, weder am Horizont noch auf AIS, aber wir können per Satellitentelefon kommunizieren. 
 Besuch bekommen wir von Delfinen und fliegenden Fischen, von letzteren sammeln wir am ersten Tag schon ein Dutzend vom Deck.

 10. Januar 2023, südlicher Nordatlantik (1650nm vor Grenada)

 Das beste Etmal liegt bei 177nm, aber etwas weniger Strecke bei etwas weniger Welle wäre uns auch recht. Gestern ist das so, das haben wir genutzt, um 50l Wasser aus dem Boot zu pumpen, die ihren Weg über das obere Ruderlager dorthin gefunden haben. Um das Leck zu suchen, bin ich ganz hinten und ganz unten und ganz tief im Boot gewesen. Das Problem lässt sich mit etwas Dichtmasse erstmal verringern, aber ich befürchte, daß da (mal wieder) ein Konstruktionsfehler dahintersteckt. Die Dieselleitung vom Steuerbordtank ist verstopft, da ist also nicht nur Wasser drin, sondern auch etwas härteres... Die damit verbundene Aktion hebe ich mir aber für eine ruhigere Phase auf.
Gestern wird erstmals gekocht, Penne mit  kapverdischer Chorizo und Gemüse, das erste Bier getrunken und erstmals geduscht. War alles nötig!
 Das Wetter ist sonst gut, allerdings braucht man nachts eine lange Hose und ein Jäckchen, ist ja Winter. Wir fahren nur unter Genua, die reicht vollkommen. 

11. Januar 2023, südlicher Noordatlantik (1.400nm vor Grenada)

Es geht immer noch zügig voran, die ausgebaumte Genua reicht für 20-25kn Wind aus ENE,
wir fahren damit 160er Etmale. Mittlerweile haben wir fast das ganze eingedrungene Wasser
aus dem Schiff geholt, Peter musste diesmal in alle Bilgenecken kriechen, ich habe Knie.
Innen Meniskus, außen Schleifspuren von der vorgestrigen Aktion. Nicht knien zu können, ist
an Bord eine echte Behinderung.
Dafür haben wir heute unseren ersten Angelerfolg, eine 90cm lange Goldmakrele hat auf den
pinken Gummitintenfisch gebissen. Es war wohl eine Feinschmeckermakrele, am Köder hat
sich ein Seetangbüschel verfangen, Tintenfisch mit Gemüsebeilage ist aber tödlich. Da wir
keine feste Badeplattform haben und unsere klappbare bei dem Seegang nicht abklappen
können, spielt sich das Gemetzel an Deck ab und kostet die Makrele viel Blut und uns viel
Schweiß beim Putzen. Heute gibt es Ceviche und morgen Filets.
Tipp aus der Praxis: nur Boote mit fester Badeplattform kaufen!
Kein Schiff, kein Flugzeug, kein Mensch zu sehen bisher. Ein Drittel des Weges haben wir
schon geschafft. Und der entspannte Teil liegt noch vor uns!

12. Januar 2023, südlicher Nordatlantik (1.320nm vor Grenada)
 
Neben den ganzen Lecks, Reparaturen und Krankheiten gibt es natürlich auch ein paar schöne Momente:
Das Boot segelt wunderbar und schnell, die Windsteueranlage steuert zuverlässig, man kann beiden stundenlang und begeistert bei ihrer Arbeit zuschauen. Das Meer ist von einem satten Blau, der Himmel weiß-blau mit den (in den ersten Tagen vermissten) beliebten Passatwolken. Die Satellitenkommunikation funktioniert, der Wassermacher funktioniert, die Solaranlage funktioniert, der Wind- und Wassergenerator funktioniert, die Kaffeemaschine funktioniert, ...
Die Sonne scheint, der Wind weht, die Sterne und der Mond leuchten des nachts. Das ist schon viel, vielleicht sogar genug.
 

14. Januar, südlicher Nordatlantik (970nm vor Grenada)

Es läuft gut. Das Boot wird manchmal durch die Seetangbüschel, die sich am Ruder oder
Propeller festkrallen, um mehr als 1kn gebremst, momentan sind wir wohl frei davon, 7,5kn
in Zielrichtung bei 18kn achterlichem Wind. Heute war Bergfest, jetzt sind es keine 1.000nm
mehr!
Die Temperaturen liegen tags bei 26°, nachts bei 23°. Das Seethermometer hat eigene
Gefühle und zeigt eine Wassertemperatur von 41°C an, das ist zum Glück ein tertiäres
Problem.
Wir haben die zweite Goldmakrele heute gar nicht geschafft und deshalb auch die Angel
beurlaubt. Dafür aber einen baking day eingelegt und Bananenkuchen, Brötchen und Brot
gebacken, alles ist gut gelungen. Der Sauerteigansatz von Corinna ist nach zwei Wochen
Pause tatsächlich zur Hochform aufgegangen.
Und ein spanischer Kollege - auf dem Weg nach Barbados - ist bis auf Sicht- und damit
natürlich auch auf Funkweite herangekommen, nach einem kurzen Gespräch aber wieder
achteraus verschwunden. Der nächste Besucher ist ein Wal, ca. 6-8m lang, schlanker Kopf,
von oben dunkelgrau, von unten weiß, mit stark gebogener Finne und ohne Blas. Ein
Finnwal? (Wir haben kein Walbestimmungsbuch.) Er schwimmt fast 2h um uns herum und
mit uns mit (allerdings mit doppelter Geschwindigkeit). Kurz bevor er abdreht, dreht er auf
und springt mehrmals rückwärts aus dem Wasser. Faszinierend!

16. Januar 2023, südlicher Nordatlantik (730nm vor Grenada)

Die verstopfte Dieselleitung vom Steuerbordtank wartet immer noch auf ihre Reinigung, der
Passat und das entsprechende Wellenbild raten zu Geduld. Morgen vielleicht.
Das Iridium-Telefon verkündet mit Begeisterung, daß ich bereits 80% meines monatlichen
Datenvolumens (im Wert von 100$) verbraucht hätte. Und ich hatte gehofft, daß man auf See
kein Geld ausgeben könne ...
Der heutige Wetterbericht verspricht nach ruhigem Wetter ab morgen wieder frischen Wind
der Stärke 5-6 für die folgenden 2 Tage. Eine Ankunft zu meinem Geburtstag am Sonntag
wäre also noch möglich.
Ein großes und unerwartetes Problem ist das schwimmende Algenkraut. Es bildet teilweise
geschlossene gelb-braune Teppiche aus handballgroßen Büscheln auf dem Wasser, die
Pflanze selber sieht aus wie eine Kreuzung aus Mistel, Krauser Glucke und Blasentang. Fucus
diabolicus atlanticus (ich habe auch kein Tangbestimmungsbuch), ein teuflisch stabiles und
klettenartiges Gewächs. Es hängt sich an den Propeller und verlangsamt das Boot, es hängt
sich an die Ruder und erschwert das Steuern, es hängt sich an den Propeller des
Wassergenerators und verhindert die Stromerzeugung, es hängt sich an den Angelhaken und
verhindert eine ausgewogene Ernährung.
Apropos ausgewogene Ernährung: heute wollen wir nach mehreren Mahi-Mahi-Tagen das
gute Gulaschfleisch aus dem Tiefkühler holen. Der beim Öffnen der Tür entweichende, bestialische Gestank, suggeriert, daß der Tiefkühler seinen Dienst bereits vor mindestens drei Tagen eingestellt haben muß. Corinna ist diesmal dran und holt die Fleischreste und den ausgetretenen Saft zur Seebestattung aus dem Keller.
Der extra installierte 500W-Inverter scheint den Anlaufstrom des Tiefkühlers nicht immer zu
schaffen. Das ist natürlich doof, hätte er gleich gestreikt, hätte man noch reagieren können.
Aber nein, erstmal so tun, als gäbe es kein Problem ...

18. Januar 2023, südlicher Nordatlantik (390nm vor Grenada)

Die gestrige Nacht ist recht abwechslungsreich. Ich höre Knackgeräusche am Heck und stelle
fest, daß die untere Verschraubung der Windsteueranlage lose ist und wackelt. Also alle Mann
an Deck, die Steuerbordbackskiste muß freigeräumt werden und ich von da ins Heck tauchen
und die losen Muttern halten, damit Peter von außen die Bolzen anziehen kann. Die Dusche
am Nachmittag ist danach für die Katz, aber die Anlage ist wieder fest. Später kommt dann
ein Squall mit der an sich löblichen Absicht, Salz und Dreck vom Schiff zu waschen und alles
wieder trocken zu pusten. Dazu muß man aber vorher ordentlich Segel reffen, damit der Mast
nicht auch abgewaschen oder fortgepustet wird.
Nachdem das verweste Gulasch durch einen kleinen Bonito kompensiert wurde, bleibt der
Angelerfolg in den letzten beiden Tagen aus. Der bewährte pinke Tintenfisch ist uns leider
durch Korrosion des Wirbels verloren gegangen, der neue grüne Köder scheint nicht beliebt
bei der heimischen Fauna.
Es wird etwas wärmer, die lange Hose wird nachts nicht mehr gebraucht. Der Wind bleibt
kräftig, die Etmale liegen um die 150nm. Eine Ankunft noch am 21. Januar im Hellen rückt in
den Bereich des Möglichen.

22. Januar 2023, Calivigny Harbour (Grenada) 

 

Wir sind zu schnell und müssen bremsen! Um gestern nicht vor Sonnenaufgang im Dunkeln in die unbekannte Ankerbucht zu fahren, reduzieren wir in der letzten Nacht die Segelfläche fast bis auf Null und kommen dadurch pünktlich mit der Morgendämmerung an. St. Davids Harbour ist einfach anzusteuern und hat Mooringtonnen. Und ruhiges Wasser mit Palmen am Ufer, das ist doch genau das, was wir wollen. Und baden und Champagnerfrühstück mit Delikatessen vom vortäglich gefangenen Bonito, herrlich. 

Wir machen das Schlauchboot und den Außenborder klar und einen anderthalbstündigen Spaziergang, es besteht ein gewisser Bewegungsdrang. Die Strandbar hält ein kaltes Carib für uns bereit. 

Doch die Pflicht ruft, da ist immer noch die verstopfte Dieselleitung zu reparieren. Im Hahn des Saugrohres finde ich die Verstopfung: er ist zugesetzt mit lauter feinen Plastik-Bohrspänen. Da hat einer die Löcher für die Deckel in den Plastiktank gebohrt und den Tank danach nicht gereinigt. Toll! 

Heute geht es 3nm weiter in die nächste Bucht, hier liegen wir ganz alleine in den Mangroven. Wollen mal schauen, ob sich dahinter eine geburtstagsfeiergeeignete Restauration finden läßt. 

Nee, nix. Das im Revierführer beschriebene Restaurant hat am Sonntag geschlossen und das andere haben die Mangroven bereits überwuchert. Der in den Ruinen hausende Eingeborene schenkt uns zwei Trinknüsse und wartet geduldig mit uns auf das Ende des halbstündigen Platzregens. Danach finden wir wenigstens noch einen Supermarkt mit den Zutaten für ein gutes Hähnchencurry. 

25. Januar 2023, Clarks Court Bay (Grenada) 

 

Wir klappern die Buchten im Süden Grenadas ab, die nächste ist Mount Hartman Bay mit dem Secret Harbour. Man liegt immer vor Mangroven und immer neben Booten, die seit Jahren aufgegeben scheinen. Der Harbour ist auch fast leer, stellt aber Internet und ein gutes Restaurant zur Verfügung und das wiederum einen wohlschmeckenden Marlin. Wir ordern ein Taxi und fahren zur Clarks Court Distillery. Es gibt eine Führung und eine Rum-Probiererei. Dann entscheiden wir uns für die Rückkehr mittels ÖPNV (Reggae-Busse), das endet in einer Inselrundfahrt, einer Touristenabzocke (selbst schuld, jetzt kennen wir die Preise) und einem Fußmarsch von 30min. Da wir an der lokalen craft-beer-brewery vorbeikommen, stört uns das dann gar nicht mehr. 

Gestern fahren wir wieder zurück in die Clarks-Court-Bay, kaufen dem lokalen Anbieter aber seine Mooring-Tonne nicht für 20,-€ pro Nacht ab, sondern ankern selbst vor Hog Island. Da wir den ÖPNV jetzt beherrschen, touren wir damit über die halbe Insel zu einer Kakaoplantage und Schokoladenfabrik sowie zur alten Rivers-Antoine-Rum-Distillery. Die brennen seit 250 Jahren ihren Stoff mit 75% Vol. Alkohol und bieten ihn auch in dieser Stärke dem durstigen Touri an. Danach noch einen Schluck Wasser. 

Unser Dinner im "Little Dipper" besteht aus Lambi (Conque), Tuna und Lobster. Das geht schon mal. 

Übrigens habe ich diesmal zum Geburtstag wieder - wie vor 9 Jahren - eine Machete bekommen!

28. Januar 2023, Port Louis Marina, St. George's (Grenada)

 

Vor drei Tagen sind wir (am Wind!) in die Hauptstadt Grenadas gefahren, im Pool der Port Louis Marina haben wir ja seinerzeit Weihnachten gefeiert. Die Marina ist nach wie vor schick und teuer, genau richtig für uns. Wir frequentieren sogar das Hafenrestaurant. Die Haupttätigkeit liegt aber in Reparaturen (die losen Bolzen der Windsteueranlage neu eindichten, die verbogene Arretierung der Badeplattform richten etc.) und Fahrten mit dem Dinghy zum Marineausstatter und mit dem ÖPNV zum ersten Wasserfall der Reise. Der zweite der Concord Falls fällt aber leider buchstäblich ins Wasser, denn nach Erreichen des ersten setzt anhaltender Starkregen ein, der den weiter führenden Trampelpfad in eine Matschrinne verwandelt und den mehrmals zu durchquerenden Bach zum reißenden Strom anschwellen läßt. Aber immerhin sammeln wir ein paar Muskatnüsse auf dem Weg.

29. Januar 2023, Port Louis Marina, St. George's (Grenada) 

 

Die Etappe "Kapverden - Karibik" wird heute vollständig beendet, meine atlantischen Mitsegler 
Peter & Corinna sind von Bord gegangen. Die nächste Etappe heißt "Grenada - Martinique", ist also rein karibisch und wird von mir allein bestritten. Das Boot ist geputzt, die Wäsche ist gewaschen, der Wassertank aufgefüllt, die Entfernungen zwischen den Inseln hier unten sind schön kurz, der Wind die nächsten drei Tage eher leicht, folglich geht es morgen früh gleich los. 
Das Marina-Leben hat dann für längere Zeit erstmal ein Ende, ich weiß gar nicht, wo es wieder eine gibt. Wahrscheinlich in Guadeloupe, oder erst in St. Maarten oder auf den BVI's. Aber Schlauchboot und Außenborder sind ja noch in Bestform.

31. Januar 2023, Clifton Harbour, Union Island (St. Vincent and the Grenadines) 

 

31nm sind es bis Carriacou, das mit dem "schön kurz" muß ich aber völlig falsch verstanden haben. Der Wind kommt direkt von vorn und zum Teil nur sehr unwillig, der Strom kommt dagegen sehr willig von steuerbord voraus. Die Aktion dauert 8h und 3 davon unter Motor. Ich komme nach Sonnenuntergang in der total überfüllten Tyrrel Bay an und das erste, was ich höre, ist: "This is a private mooring"! Platz zum Ankern ist nicht wirklich und die Nacht bricht herein. An der zweiten Mooring hängt ein Schild "reserved", aber bei der Dunkelheit kann ich das ja gar nicht lesen... 

Das muß besser werden, folglich klingelt heute um 07:00 der Wecker. Ohne Frühstück und mit großem Kampfgeist - da Carriacou die letzte zu Grenada gehörende Insel ist, muß ich für St. Vincent ausklarieren - rudere ich zum Customs and Immigration Office, das laut Aushang 08:00 öffnet. Gegen 08:15 kommt die Customs Lady im seehr engen Uniformrock und seehr gemessenen Schrittes anstolziert und betritt das Office. Das Türschild "Closed" bleibt unberührt. Gegen 08:30 schlendert locker der Immigration Officer in schlabbernder Hose heran und begrüßt die mittlerweile 8 Mann starke internationale Seglerwartegemeinschaft (Deutsche, Schweizer, Franzosen, Amerikaner) mit einem freundlichen "Hello guys, good morning, how are you?" und betritt das Office. Da hatte ich schon meinen ersten Kaffe in der angrenzenden Bar. 

Gegen 08:35 wird das "Closed"-Schild umgedreht, es erscheint "Hello, we 're open, come in". Der Schweizer hat die vorher von der Customs Lady ausgeteilten Formblätter als erster ausgefüllt und betritt das Office. Gegen 08:40 kommt die gewichtige Cleaner Lady mit Eimer, Feudel und Besen und betritt das Office. Gegen 08:42 verlassen der Immigration Officer, die Customs Lady und der Schweizer (mit verzweifeltem Gesichtsausdruck) das Office, das Schild wird auf "Closed" gedreht, die Cleaner Lady bleibt drin, der Immigration Officer bestellt sich an der Bar einen Kaffe und die Customs Lady etwas Kalorienhaltiges zum Frühstück, der Rock ist demnach aus Polyamid. 

Gegen 08:55 verläßt die Cleaner Lady das Office und fegt kurz die Stufen davor. Gegen 08:57 betreten der Immigration Officer und die Customs Lady - mit den in Alufolie eingewickelten restlichen Kalorien in der Hand - das Office. Punkt 09:00 wird das "Closed"-Schild auf "Hello, we 're open, come in" gedreht und der Schweizer betritt vorsichtig, aber erstaunlich zügig das Office. Ein mutiger Franzose folgt. Weitere 30 Minuten später bin ich dran und trete ein, die Klimaanlage läuft auf Hochtouren, die Customs Lady arbeitet an den Kalorien, schafft sie aber während meiner Anwesenheit, die bis 09:45 dauert. Ich bekomme einen Ausklarierungsschein und einen Stempel in den Paß und muß nichts bezahlen. 

Ich rudere zurück zum Boot und binde mich umgehend von der "reserved"-Mooring los, gegen 10:00 starte ich gen NE, genauso spät wie gestern, nur ohne Frühstück. 

Die 10nm Kreuz bis Union Island machen - bei 4 Bft. und wenig Welle - richtig Spaß. Unterwegs esse ich eine Banane. 

Vom letzten Mal weiß ich noch, daß sich das Customs and Immigration Office hier auf Union Island im nahegelegenen Flughafen befindet und stürze dahin los, nachdem ich einem Boat Boy die angebotene Mooringtonne für 60EC$ nicht abgekauft, sonder selber geankert habe. Im Airport sitzt eine völlig gelangweilte Customs Lady herum, die Immigration ist neuerdings im Seaport. Die Customs Lady braucht nur eine Stunde, da wir aber nett ins Gespräch kommen, erfahre ich auch private Dinge, z.B. daß sie in einer Adventistengemeinde Mitglied ist, die sich sozial sehr engagiert und Spenden braucht, und sie hätte hier auch gleich einen Quittungsblock und sie freut sich ja so, daß ich auch ein "believer" bin, auch wenn ihr die Evangelische Kirche jetzt nichts sagt. Ich freue mich auch, daß sie den Quittungsblock noch vor dem Einreisestempel zückt und gebe seehr gerne 10$. 
Der Immigration Officer am Seaport (10min zügiger Fußmarsch, ich muß vor 04:00PM da sein) braucht für seinen Stempel in den Paß 2min und will kein Geld. Ich liebe die Karibik! 

Gestern habe ich gesehen, daß eine Kausch im Vorliek des Großsegels ausgerissen ist, also beschließe ich den Tag mit nützlicher Arbeit und nähe die Kausch wieder ein. 

DANACH gönne ich mir eine halbe Soursop (meine Lieblingsfrucht) und ein Bad im Meer. Was will man mehr? 

01. Februar 2023, Tobago Cays (St. Vincent and the Grenadines) 

 

Damit sich die Aus- und Einklariererei lohnt, habe ich heute Tourismus angesetzt. Die Tobago Cays sind ja laut allen Törnführern der schönste Fleck der Karibik, und wenn ich nun mal schon da bin... 

Wie alle schönsten Flecken sind sie natürlich etwas touristisch überlaufen und mit einer Nationalparkgebühr belegt, das und die Größenordnung sind mir neu. Da ich keine Boje nutze, sondern wieder ankere, wird das hier gesparte Geld in eine halbe Languste investiert, die die Boat Boys auch im Angebot haben und am Abend am Strand per BBQ zubereiten, mittlerweile sehr professionell und im großen Maßstab. 

Der nachmittägliche Spaziergang durch die Wälder einer der kleinen Inselchen bringt mir heuer keine Leguane oder Schildkröten zu Gesicht, vielleicht liegt's an mir: zu laut, zu blind? 

Beim Schnorcheln und Abkratzen des Unterwasserschiffs kann ich wenigstens am Grund grasende Meeresschildkröten und herumgleitende Rochen beobachten.

03. Februar 2023, Chateaubelair Bay, St. Vincent (SVG) 

 

Gestern bin ich schön am Wind nach Bequia gesegelt, mit dem Dinghy nach Port Elizabeth gerauscht und habe mich dort mit Soursop und Bananen versorgt und auch gleich ausklariert. Da ich nächste Woche in Martinique wieder Gäste kriege, fahre ich heute früh gleich weiter nach St. Vincent in die nördlichste Bucht, um von hier nach St. Lucia überzusetzen. 

Diesmal bin ich pünktlich los und es läuft auch recht gut, so daß mir die Boatboys von Chateaubelair einen geführten Ausflug zum Wasserfall anbieten können. Der seinerzeit aktive John Small ist nach Barbados gezogen, wird aber vom alten Fitzmau(rice) und vom jungen Kilroy vertreten. Die Gegend muß wohl mal den Schotten gehört haben. 

Der Wasserfall ist sehr schön (es sind sogar zwei) und sehr prickelnd, wenn man sich darunter stellt. Auf dem Rückweg gehen wir bei Kilroys Haus vorbei, es gibt noch Obst und Kokosnüsse und eine spontane Umarmung von einem kleinen Mädchen, vielleicht hält sie mich für den Weihnachtsmann. Über Kosten wird nicht gesprochen, ich soll einfach geben, was ich will. Gutes Geschäftsmodell, für beide Seiten. 

Chateaubelair ist die schönste Bucht, in der ich bisher gelegen habe. Landschaft, Vegetation, Wasser, Dorf, Häuser, Leute, alles ist sehr stimmungsvoll. Inklusive Sonnenuntergang. 

04. Februar 2023,

 

Es pustet ordentlich hinter St. Vincent um die Ecke, mein 1. Reff ist für die 6 Bft. von vorn sehr optimistisch. Nach der Ecke wird es dann etwas gemäßigter. Bevor die Pitons auftauchen, haben uns nur ein 17m- und ein 15m-Schiff überholt. 

Anse Cochon (St. Lucia) 

Die Anse Cochon ist mir empfohlen worden, aber ich kann ihren besonderen Reiz nicht recht entdecken. Dafür entdeckt mich die Coast Guard und fragt, wie lange ich denn hier mit meiner gelben Flagge schon rumläge. Seit gestern Abend erst, na klar fahre ich heute zum Einklarieren nach Rodney Bay, all right. 

Fünfmaster-Treffen in Rodney Bay
 

Heute ist zwar Sonntag, doch entgegen meiner Hoffnung hat das Customs- und Immigration-Office tatsächlich geöffnet, verlangt aber einen Wochenendzuschlag von 100EC$. Meine dumme Frage, ob ich nicht morgen wiederkommen könnte, beantwortet der Officer grinsend mit "Yes", aber dann läge der Preis wegen zu später Anmeldung bei 5.000$. So eine Abzocke... 

06. Februar 2023,

 

Der gute alte Pigeon Point.

Rodney Bay (St. Lucia)
 
Der gute alte Fruit Man kommt mir gerade recht, 



um das Obstnetz aufzufüllen.

08. Februar 2023, Fort de France, Martinique (F) 

 

Morgen kommen Georg und Celine nach Fort de France, seit gestern bin ich auf der Mouillage de Fort de France. Eine angenehme Stadt, die französische Karibik hat doch ihre schönen Seiten. Einklarieren per Computer und kostenlos, keine Währungsumrechnung, europäisch anmutende Supermärkte mit Baguette und Camembert und Vin Blanc... 

Der Anteil der Weißen auf den Straßen ist wesentlich höher, die Damen sind im Durchschnitt etwas schlanker, die Stimmung ist gar nicht so jammervoll wie beim letzten Mal. 

An Bord kann ich dagegen nicht punkten, alle angefangenen Projekte kriege ich nicht realisiert. Zum einen fehlt die Information, zum anderen das passende Ersatzteil. Noch nicht mal die Bordwand kriege ich sauber: beim Schlachten der Kokosnuß tropft Saft aus der äußeren Schale und macht RICHTIGE Flecken. Deshalb sehen die Macheten der Eingeborenen auch alle schwarz aus und rosten nicht. Werde beim nächsten Mal mein Knie damit einreiben . 

11. Februar 2023, Fond Giromont, Martinique (F)

 

Die zwei Typen aus Friedrichshain kommen pünktlich und essen das vorsorglich aus den letzten kapverdischen Kartoffeln poduzierte Gratin de Pomme de Terre auf. 

Wir durchstreifen Fort de France und gehen auch einheimisch essen, was bei französisch-kreolischer Küche natürlich gut und teuer ist. 

Freitag ist Kindergarten-Karneval, zumindest die Großen Gruppen ziehen liebevoll kostümiert durch die Straßen. Die Lautstärke der Musik ist aber schon wie bei den ganz Großen. 

Auch die Installation meines neuen Lichtmaschine-zu-Batterie-Ladereglers schreitet voran, er funktioniert, muß jetzt nur noch schick befestigt und die Kabel müssen schick verlegt werden. In dem einzigen Laden, in dem es Kupferlitze in akzeptabler Stärke gab, gibt es nach meinem zweiten Besuch nun keine mehr.

Die Gegend im Südwesten der Insel ist extrem naß, es regnet nicht täglich, sondern stündlich. 6nm weiter die Küste nach Norden in Fond Giromont ist es ganz anders, sogar die Vegetation ähnelt der trockenen mediterranen Macchia.

15. Februar 2023, Roseau (Dominica) 

 

Wie immer verläuft die Überfahrt von einer Insel zur anderen sehr zügig, denn statt der angesetzten 15 kommen bis zu 25kn Wind. Durchschnittsgeschwindigkeit des Bootes: 8kn. 

Wir nehmen vor Roseau eine Mooringboje, denn hier ist der Ankergrund steil und schwierig. 

Das Wetter ist hier aber angenehmer, die stündlichen Regenfälle sind wieder auf tägliche geschrumpft. Die Hauptstadt ist nach wie vor quirlig, dreckig und bunt, die Reggae-Busse sind dagegen ruhig. Wir machen einen Stadtbummel und gehen etwas Typisches essen, das dauert sehr lange, ist dann etwas anderes als bestellt, aber schmeckt gut. Sämtliche Geldautomaten der Stadt verweigern uns ihre Dienste, und bis wir kein Geld haben, dauert es auch sehr lange. Am nächsten Tag, ausgerüstet mit allen Bankkarten, die ich noch besitze, gibt es auf das alte Firmenkonto bei der Apo-Bank doch noch etwas! 
Die Boatboys bieten touristische Touren an, zusammen mit der MANATEE (seit Mindelo nicht mehr gesehen) und der PARADISE (neu) buchen wir eine Ganztagesfahrt zu den Highlights des südlichen Inselteils: Sweetwater Lake, Titou Gorge (die beschwimmbare Schlucht, auch Drehort im dritten Teil von "Piraten der Karibik"), die Trafalgar Falls (von Hurrikan MARIA böse mitgenommen, die herrlichen alten Warmwasser-Badetümpel hat es weggespült) und den Botanischen Garten (wenigstens der alte Schulbus unter dem Baobab ist noch da).

17. Februar 2023, Portsmouth (Dominica) 

 

Die Prince-Rupert-Bay vor Portsmouth ist wunderbar geschützt und ruhig und voll. Von hier kann man den ganzen Norden der Insel entdecken, ich gehe heute z. B. in's Fort Shirley, Georg und Celine währenddessen in's Internet. 

Das hiesige Shopping-Angebot ist etwas beschränkt, hauptsächlich auf Kochbananen, Fisch und Marihuana. Davon gibt es aber reichlich. 

Georg hat meine Tauchausrüstung ausprobiert und dabei auch den Kiel gereinigt. Für das Befüllen der Flasche ruft der hiesige Tauchshop allerdings karnevalistische Preise auf. Apropos: den Rosenmontagsumzug werden wir auch dieses Mal wieder in Roseau erleben, bunt und laut soll es ja sein.

Der Indian River hat auch unter dem Hurrikan MARIA 2017 gelitten, aber schee is schee bleibt schee.

19. Februar 2023, Portsmouth (Dominica) 

 

Am Samstag gehen wir auf große Tour, zusammen mit drei anderen Booten chartern wir einen Bus und einen Guide und klappern die Sehenswürdigkeiten des Nordens ab, als da wären: Cold Soufriere, ein Bach mit integrierten H2S-Blubber-Quellen, die Red Rocks vor Kalibishie, die Schokoladenfabrik in Kalibishie mit sehr guter und teurer Ware, das Local Bistro in Marigot mit Schweinerüsselragout und Ringelschwanzsuppe (alle nehmen Hühnchen), das Indian Territory mit den letzten 3.500 Kariben, die allerdings ihre eigene Sprachen nicht mehr können, der Spanny Fall mit Badesee und zu kaltem Wasser und der Emerald Pool mit etwas wärmerem. Der ganze Tag ist verregnet, aber der Bus ist ja dicht. Alle finden es toll und anstrengend. 

22. Februar 2023, Isle de Saintes (F) 

 

Rosenmontag ist vorbei, der karibische Karneval geht weiter. Gestern bin ich mit dem public bus über eine Stunde nach Roseau gefahren, um den Umzug zu bestaunen. Georg und Celine lassen sich nicht überreden mitzukommen, bis ich dann dort bin, ist der größte Teil leider schon durch. 

Nach einer schönen Fahrt auf die Isle de Saintes kriegen wir wenigstens am Abend die kleine französische Variante geboten. Die Isle de Saintes sind knackevoll, alle Moorings sind besetzt, wir ankern vor der Ziegeninsel und fahren anderthalb Meilen mit dem Dinghi in die Stadt. Das französische Abendessen ist es wert, es gibt Marlin und Rochen mit superben Saucen und Cremes.

25. Februar 2023, Pointe a Pitre, Guadeloupe (F) 

 

Die Kreuz hinauf nach Pointe a Pitre gelingt gut, die meisten Mitkreuzer bleiben achteraus. Die Marina ist überfüllt, wir nehmen draußen eine Boje. 

Gestern nehmen wir erst den Stadt- und dann den Überland-Bus und fahren ins Landesinnere zum Kletterpark "Le Tapeur", der Georg noch gut in Erinnerung ist. Es macht uns auch wieder Riesenspaß (obwohl es mir wesentlich anstrengender vorkommt als vor neun Jahren, vielleicht haben die umgebaut?), allerdings fährt kein Überland-Bus mehr zurück, Taxis gibt es auch nicht, also trampen wir. Pierre nimmt uns mit bis an eine Stadtbus-Haltestelle, dort kriegen wir noch den letzten Bus des Tages. Pfff... 

Die Fahrt führt durch dichtesten Regenwald, kurz vor der Stadt wird plötzlich alles europäisch: erst kommen Felder (mit Zuckerrohr statt Gerste), dann dreispurige Autobahnen, Gewerbegebiete, Werbeplakate, Tankstellen, Supermärkte und Betonsilos. 

Heute Kurzausflug zum Islet de Gosier, doch der erhoffte Tauchspot entpuppt sich als abgestorbenes Riff. Schön und überfüllt ist es trotzdem. 

Morgen müssen Georg und Celine zurückfliegen, deshalb gibt es als Einstimmung auf die deutsche Heimat Bratkartoffeln mit Speck und Zwiebeln. 

27. Februar 2023, Pigeon Island, Guadeloupe (F) 

 

Wieder allein und rastlos. Obwohl kein richtiger Wind weht, fahre ich an die Westküste von Gouadeloupe, dann eben unter Motor. Der geht auch zwischendrin aus, der eine Tank ist wohl doch leer. Die Ankerbuchte ist idyllisch, man hat sogar Teppich ausgelegt. Es zieht wieder Romantik ein... 

Was ich erst am nächsten Tag entdecke: die idyllische Bucht hat laufend Warmwasser! In der kleinen Hütte am Ufer mündet eine heiße Quelle, die man wunderbar nach einer Schnorcheltour zum Aufwärmen und Entsalzen benutzen kann. Die Einheimischen kommen auch mit Kanistern und Flaschen und holen sich warmes Wasser.

01. März, Deshaies, Guadeloupe (F) 

 

Hinter Guadeloupe weht nun wirklich kein Wind, ich muß die zehn Meilen nach Deshaies motoren. Alle anderen machen das wohl auch, denn es ist kaum ein freies Plätzchen zum Ankern zu finden. 

Heute fahre ich an Land, klariere aus und hole Baguette, mache eine Wanderung das Flußbett hoch und nehme ein - diesmal kühles - Süßwasserbad, Bilharziose-Risiko hin oder her. An den Fluß kann ich mich noch erinnern, aber er ist durch Hurrikans und Starkregen auch verändert, selbst die großen Hinkelsteine sind umsortiert worden. 

Auf dem Rückweg begleitet mich ein Trupp Blattschneiderameisen, schwer bepackt natürlich. 
Morgen will ich eine Insel weiter nach Norden, bin am 12. März in Sint Maarten verabredet. Ich weiß nur noch nicht, ob ich diesmal über Montserrat - ist näher, kenne ich noch nicht, aber hat nur einen schwelligen Ankerplatz - fahre oder über Antigua - ist weiter, kenne ich schon, hat aber sehr geschützte Ankerplätze.

03. März 2023, Montserrat (UK)

Ich habe mich für Montserrat entschieden, welches tatsächlich noch zu Großbritannien gehört. Der höchste Feiertag ist der St.-Patricks-Day in zwei Wochen, und der Stempel, den ich für 60EC$ in den Paß gedrückt kriege, sieht aus wie ein Kleeblatt und ist grün. Der Ankerplatz (Ankerbucht wäre übertrieben) ist tatsächlich sehr rollig. Unterwegs kriegt man gar nicht mit, wie viel Schwell noch im Meer steckt. Wenn er dann auf den Strand donnert, allerdings schon. Man schläft halt schlecht.
Ich will unbedingt eine Inselrundfahrt machen, die örtlichen Anbieter wollen dafür 150US$. Nach mir klariert noch eine Crew von vier Franzosen ein, da sie englisch sprechen, kann ich sie überreden mitzukommen und brauche dadurch nur 30$ zu zahlen. 
Das Besondere hier ist der Vulkan Soufriere, der immer noch qualmt, aber zwischen 1995 und 2010 ernsthaft aktiv war und den gesamten (deswegen gesperrten) Südteil der Insel eingestaubt hat, inklusive Hauptstadt und Flughafen. Die Hauptstadt liegt jetzt unter einer Ascheschicht von teilweise über 10m, die obendrauf schon wieder grün ist. Vorne und hinten kann man noch die Hausdächer erkennen. Selbst der Kirchturm ist weg. Das etwas weiter entfernte Hotel wurde auch geschlossen und daher lange nicht mehr gefegt.
Die Bevölkerung ist seit damals um mehr als die Hälfte geschrumpft, die englische Regierung hatte One-Way-Tickets nach Heathrow ausgegeben.
Außerdem hat Sir George Martin mal ein Tonstudio auf Montserrat betrieben und alle Rock- und Pop-Größen von Paul McCartney über Eric Clapton bis Boy George haben hier diverse Alben aufgenommen.

05. März 2023, 30nm vor St. Barth

 

Das gesprochene Englisch ist für den Fremdsprachler immer wieder eine Herausforderung, zumal es sich von Insel zu Insel unterscheidet. Der montserragassische Taxifahrer bemüht sich, langsam und deutlich zu reden. "Wir fahren jetzt runter in die Stadt" hört sich an wie: "wie going daung du de daung".

Die zweite Nacht vor Montserrat ist übrigens wesentlich ruhiger! Abgeschwollen, könnte man sagen.

Morgens und mit highspeed geht es rüber nach Nevis. Dort kann man ganz entspannt vor einem sehr schönen, langen Strand an vertrauenswürdigen, kostenlosen Moorings liegen. Der Strand beherbergt "Sunshine's Bar & BBQ, the home of the Killer Bee". Die Killer Bee ist ein Getränk, das hauptsächlich aus 75%igem Rum besteht, ansonsten noch Honig, Zitronen- und Maracujasaft, Pfeffer, Muskat und Eis. Eine Biene reicht. 

Das "Sunshine's" hat WiFi und das hat den Wetterbericht: von Montag bis Sonntag Flaute und Westwind! Das heißt, ich kann nicht entspannt von Insel zu Insel über St. Kitts, Statia und Saba nach St. Martin gondeln, sondern entscheide mich, den heutigen noch guten Passat für einen 50nm-Schlag bis St. Barth zu nutzen. Von dort sind es noch 12nm bis St. Martin, die schaffe ich immer irgendwie, zumal ich ja meine Frau auf St. Martin abholen muß.

06. März 2023, Anse du Colombier, St. Barth (F) 

 

Pünktlich um sechs klingelt der Wecker, ich fahre vor sieben los und segle durch die Narrows zwischen Nevis und St. Kitts. In der Mitte liegt die Titte (ein Fels mit dem schönen Namen "Booby" und der passenden Form). Läuft wie geschmiert, bin schon 14:00 Uhr vor Gustavia auf St. Barth. Und fast der letzte, die Gegend ist berühmt für überfüllte Mooringfelder und wenig Ankermöglichkeiten, ich finde etwas entfernt noch eine auf 12m Tiefe. 

Heute früh sause ich mit dem Dinghy in die Stadt, einklarieren und einkaufen. Beides kostet, denn St. Barth ist die Insel der Reichen und Schönen. Da passe ich normalerweise hin wie die Faust auf's Auge, aber es gibt mittlerweile wohl mehrere Kategorien von reich und schön. Immerhin kann ich ein Baguette und eine Pate' Forestiere erstehen, das fühlt sich wieder so französisch an wie in Cherbourg. Der Gegenentwurf zur Karibik von Grenada und St. Vincent, auf der Straße ist kein Neger zu sehen und nur amerikanisch zu hören. Die Geschäfte führen hauptsächlich Uhren der Firma ROLEX und Handtäschchen von WEIß DER TEUFEL. 

Gustavia war bis 1878 schwedisch, deshalb die lustigen Straßenschilder. 

Zwei Meilen um die Ecke gibt es die Bucht de Colombier, die früher mal den Rockefellers gehört hat, aber die haben sich zurückgezogen und ihr Anwesen verfallen lassen. Ich finde es toll hier, mittlerweile gehört die Gegend den Schildkröten. 

07. März 2023, Île Fourchue, St. Barth (F) 

 

Und noch zwei Meilen weiter liegt die unbewohnte kleine Insel Fourchue, die richtigerweise die Form eines nach Südwesten offenen Hufeisens hat und damit die ideale Ankerbucht bietet. Da sie so klein ist, hält sie keine Wolken auf und ist sehr trocken, der Eindruck ist eher kanarisch-kapverdisch. Und es fehlen der weiße Sandstrand der Anse de Colombier sowie deren wenigstens sporadisch vorhandenes Internetz. 

An der Nachbartonne hängt eine kuttergetakelte Koopmans namens STENNO. Ich erinnere mich, daß die uns während unserer Ostseerunde 2008 ein Stück begleitet hat. Das Kieler Eignerpaar hat sie aber vor drei Jahren an einen rüstigen Rentner aus Shetland verkauft, der gerne etwas plaudert. Ich tue das auch, denn sein Englisch ist eines der lustigsten, das ich bisher gehört habe. Es klingt, als würde ein Frankenheimer schottischen Dialekt sprechen. 

Ich gehe meine eingelagerten Konserven durch und finde einiges mit überschrittenem Verfallsdatum. Diese Woche brauche ich also nicht mehr einzukaufen, es gibt alte deutsche Küche: von Leberwurst über Meerrettich bis Erbsensuppe. 

08. März 2023, Île Pinel, St. Martin (F) 

 

Zwei Motorstunden bis auf die Ostseite von St. Martin, na ja... 

Aber die Baie Orientale ist wunderbar geschützt gegen Wind und Schwell aus Westen und Norden und schön ist es hier auch. Entsprechend touristisch erschlossen und frequentiert. Den obligatorischen Spaziergang rund um die Insel habe ich schon absolviert, die Buchten in Luv sind voll mit angeschwemmtem Sargassokraut. 

Das Strandrestaurant an der Westspitze ist zum Mittag voll mit angeschwemmten Touristen. Als ich mich dazu durchringen kann, einen kleinen Salat für 19,-€ zu bestellen (diesmal keine Languste), weil es echt gemütlich und stilvoll ist, bedeutet man mir, daß ich aufgrund fehlender Reservierung keinen Platz bekommen könne. Daran erkenne ich sofort, daß es sich um ein viel zu billiges Restaurant handelt. Wenn die ihre Preisliste geschickt überarbeiten würden, hätten sie viel mehr Umsatz bei viel weniger Streß. Und nur die wirklich Reichen und Schönen - wie mich - an den Tischen. 

Meine Schnorchelausflüge sind von Erfolg gekrönt, ich finde zwei große Conchs und eine große Badehose, nagelneu und irgendwem über Bord gegangen. Da ich zu der (schlanken) Kategorie der Reichen und Schönen gehöre, die eine Nähmaschine an Bord hat, mache ich damit zwei dicke Abnäher rein und sie mir damit passend. Kristine wird sich kaputt lachen und dann nur den Kopf schütteln... 

11. März 2023, Île Pinel, St. Martin (F) 

 

Die wunderbar geschützte Baie Orientale hat auch ihre Tücken, z.B. einen Felsen in der Mitte, der nur 1,50m unter der Wasseroberfläche liegt. Wenn der Wind dreht und man mit dem Ruder dagegen treibt, rumpelt das ein wenig und am Ruder platzt das Gelcoat ab. Ein herber Rückschlag. Ich schmiere den Kratzer unter Wasser mit MS-Polymer zu, damit sich das Laminat nicht vollsaugt. Wenn das Schiff das nächste Mal aus dem Wasser gekrant wird, kann ich die Schramme mit Epoxid und Antifouling professionell entfernen lassen. Oh Mann... 

Gestern mache ich einen Tramp-Ausflug in die Stadt nach Marigot, klariere ein und sehe mich um. Die dortige große und schöne Bucht ist momentan dem Nordwestschwell voll ausgesetzt, die Schiffe tanzen. Einem Bekannten, der auch hier liegt, hat es dabei den Ankerbeschlag herausgerissen. Da bin ich mit meiner Baie Orientale und der kleinen Schramme doch noch ganz zufrieden. Aber heute wollen wir uns auf den Weg nach Marigot machen, der Schwell soll im Laufe des Tages aufhören. Es gibt dort eine Lagune, in die man durch eine Brücke einfahren kann, das will ich probieren. Allerdings ist die sehr flach, aber ich werde langsam und konzentriert zu Werke gehen. Vorher noch tanken, dann Wäsche waschen und einkaufen. 

Der Propeller des Außenborders dreht bei höherer Drehzahl durch, sein gummigelagertes Ritzel ist wohl überdreht und ausgeleiert. Die Problematik ist mir bekannt, deshalb habe ich mir beim Kauf auch zwei Ersatzpropeller mitschicken lassen. Die Fachfirma hat allerdings die falschen eingepackt, toll. Nun kann ich sehen, wann und wo ich einen neuen Propeller kriege und wie die beiden falschen umgetauscht.

14. März 2023, Baie de Marigot, St. Martin (F) 

 

Maman ist angekommen, mit Brot vom Dresdner Feinbäcker! Dann gibt es das Chicken Curry halt erst zwei Tage später. 

In die Laguneneinfahrt und auf die dort befindliche Tankstelle drückt mächtig Schwell, ich erkenne - sicher richtig - daß das eine der Aktionen ist, die ich besser lasse. Aber es gibt ja noch eine zweite Tankstelle ganz hinten in der überfüllten Marina, dann fahre ich lieber dorthin. Geht auch gut, nur ist selbst hier noch so viel Bewegung, daß die aus der Kaimauer ragenden Schrauben der ehemals dort angebrachten Fender meine Scheuerleiste weghebeln und demolieren. "Scheuerleiste" kommt von "bescheuert", auch dies war eine Aktion, die ich besser gelassen hätte. 

Den Diesel holen wir nun in Kanistern per Dinghy, den passenden Propeller holen wir nicht, er ist nirgendwo vorrätig. Die deutsche Fachfirma verspricht, die falschen umzutauschen und die richtigen zu liefern. Ich bin gespannt. 

Wir erkunden Marigot, welches ein ganz angenehmes Flair hat für eine karibische Großstadt. Und wir gehen natürlich sehr gut kreolisch essen. 

Heute vor Sonnenuntergang wollen wir zu den British Virgin Islands aufbrechen, es sind 83nm, dann sollten wir morgen nach Sonnenaufgang dort sein. 

16. März 2023, Bitter End, Virgin Gorda (British Virgin Islands)

Die Fahrt verläuft sehr gemächlich, wir hätten früher starten sollen. Aber wir kommen 13:00 Uhr vor Spanish Town an und sind noch 14:00 Uhr im Einklarierungsbüro. Eine Stunde, drei Herren Officers und eine Dame Officer später sind wir 60$ los und drin. Die Uniformierten erfüllen pflichtgemäß alle Klischees, die man von ihnen erwarten darf.

18. März 2023, Jost van Dyke (British Virgin Islands)

 

Drei Tage im Gorda Sound, vor allem um eine Front mit Nordwind abzuwettern. Das geht gut vor Prickley Pear Island, obwohl eine Nacht ziemlich unruhig verläuft. Tagsüber beschäftigen wir uns mit Büro- und Näharbeiten, es gibt immer was zu tun. Wir besuchen Leverick Bay und den Bitter End Yacht Club, denn da gibt's WiFi und Draft Lager Beer. Alle Gebäude in Bitter End sind von "Irma" niedergerissen worden und jetzt neu und anders und schicker wieder aufgebaut. Das Hotel auf dem Saba Rock diesmal in Stahlbeton, das schlägt sich in den Preisen an der Bar sofort nieder. 35$ für zwei Drinks, durchaus stabil.

Vom Gorda Sound geht es heute über Spanish Town (der hier vorbestellte Propeller für den Außenborder ist tatsächlich da!) nach Jost van Dyke in den East End Harbour, um den dort befindlichen Bubbly Pool und Foxy's Taboo zu besuchen. Der Pool ist eine sehr gut ausgeschilderte kleine Minibucht mit eigener Düse, durch die die Wellen der Luvküste gepreßt werden, damit es hier ordentlich schäumt und Spaß macht. Die seinerzeit reichlich vorhandenen Mangroven und Palmen sind auch fast alle "Irma" zum Opfer gefallen.

19. März 2023, Great Harbour, Jost van Dyke (British Virgin Islands)

 

Die BVI's sind gut besucht, deshalb hat man alle Buchten vor besonders beliebten Orten mit Moorings gefüllt, ankern ist im Mooringfeld kaum möglich. Das System ist clever: man braucht eine App, um sich eine Mooring zu mieten. Das kostet pro Nacht 55$. Der Chef vom "Ali Baba's" weiß zu berichten, daß die App jeden Morgen um 07:00 Uhr gestartet wird und um 07:05 meist schon alle Moorings hier in Great Harbour verkauft sind. Die Inhaber der Betreibergesellschaft haben also, wenn sie um 07:30 aufstehen, schon einen Umsatz von 2.500$ alleine in Great Harbour gemacht. Ich äußere meine Begeisterung über dieses Geschäftsmodell, der Chef gibt zu Bedenken, daß man ja den Meeresboden von der Regierung pachten müsse und jedes Jahr eine sehr hohe Gebühr dafür verlangt würde. Mir kommen die Tränen, ich vermute - zu Recht -, daß er selber auch an der Gesellschaft beteiligt ist.

Am Strand gibt es das "Foxy's", eine weltberühmte Seglerkneipe und wahrscheinlich der Hauptgrund für die ausgebuchten Liegeplätze.

Da wir morgen die BVI's verlassen wollen und Great Harbour ein Customs- und Immigrationsbüro zum Ausklarieren beherbergt, müssen wir aber hier bleiben. Ich melde mich also bei der App an und tatsächlich ist die letzte und äußerste Mooring noch frei! Welch ein Glück... Etwas schaukelig und windig ist es so weit vorne, aber da können wir uns schon an die nächsten 2 Tage gewöhnen, in denen wir nach Hispaniola segeln wollen. Es ist Rückenwind der Stärke 5 angesetzt, bis in die Samaná-Bucht in der Dom Rep sind es 280nm.

 

22. März 2023, Marina Puerto Bahia, Samaná (Dominikanische Republik) 

 

Wir fahren ganz gemütlich unter Passatbesegelung bei 4-5 Bft. von achtern über das Karibische Meer. Oder über den Atlantik? Wir sind uns nicht sicher, aber tippen mehr auf Atlantik. Wie es sich gehört, fangen wir nach zwei Stunden einen Barracuda von genau 2 Portionen und gestern einen anständigen Mahi Mahi von 8 Portionen. Gut, daß wir kein Fleisch oder ähnliches eingekauft haben! 

Die Samaná-Bucht ist riesengroß, die hier befindliche Marina beherbergt das Büro von Customs und Immigration und der Kriegsmarine (der Gefreite kommt sogar an Bord, um sich ein Bild von der Anzahl der Kanonen zu machen) sowie eine fliegende Händlerin, die im Namen der Regierung obligate Touristen-Visa verkauft. Die Anlage und die facilities sind groß und mondän, wir benutzen sofort die schicken Duschen. Maman ist begeistert von der Ruhe im Hafen und schläft nach den zwei Seetagen bzw. -nächten erstmal zwölf Stunden am Stück. 

Aber es ist etwas schwellig und es gibt einen Tidenhub von fast einem Meter und keine Schwimmstege, das muß beim Anlegen und Festmachen einkalkuliert werden. Daher steht auch gleich ein Anlegehilfskomitee bereit. Die Jungs betreiben nebenher auf eigene Rechnung noch eine Schiffsreinigungsfirma, und da es seit Wochen nicht geregnet hat und der Kahn vollkommen verdreckt und versalzen ist, werde ich zum Kunden und Wirtschaftsfaktor. Außerdem näht die Frau von einem von ihnen in der Freizeit dominikanisch-republikanische Gastlandflaggen, die es nirgendwo sonst zu kaufen gibt. Der halbe Hafen hat ihre unter den Salingen, man erkennt sie daran, daß das kleine Wappen in der Mitte fehlt, das ist schlecht zu nähen. Aber es scheint keinen zu stören. Man stelle sich vor, jemand hätte seinerzeit das Wappen auf der DDR-Fahne weggelassen und die dann hochgezogen... Ich male mit dem Edding andeutungsweise eines drauf. 

25. März 2023, Bahia de San Lorenzo, Samaná (Dominikanische Republik)

 

Wir holen uns beim Gefreiten ein Permit der Armada für das Befahren des Nationalparks im Süden der Samaná-Bucht und segeln die gut 10nm nach SW. Die Gegend ist spektakulär! Eine geschützte Bucht mit ruhigen Ankerplätzen, gesäumt von Mangroven und felsigen Klopsen, die ein bißchen wie bei James Bond auf schmalen Sockeln stehen. Dichtester Dschungel darauf und daran, darüber schweben Seeadler, Fregattvögel und Pelikane. Der Fels ist Karst, also gibt es auch Tropfsteinhöhlen, von denen wir vier besuchen. Teilweise waren die schon früher bewohnt und sind mit Höhlenmalereien verziert. Außerdem befahren wir die Mangrovenflüsse und die Fjorde und durchwandern den Dschungel.

Die DomRep entpuppt sich als unser neuer Favorit in der Karibik, ganz anders als die verschiedenen Inseln bisher von den Windward bis zu den Virgin Islands.

27. März 2023, Samaná (Dominikanische Republik)

Wir haben unseren Aufenthalt verlängert, weil es so schön ist. Da die Strecke bis nach Caicos 200nm lang ist, werden wir heute Abend aufbrechen und übermorgen früh ankommen. Vorher wollen wir hier in Samaná nochmal auf den Markt, gestern waren wir schon im Supermarkt. Turks & Caicos und insbesondere die Bahamas sollen sehr teuer sein, und auf den abgelegenen Inseln gibt es gar nichts. 

Die Bucht von Samaná hat keinen guten Ruf, hin und wieder wären morgens die Dinghies weg (wir nehmen unseres an Bord und schließen es an) und der Ankergrund wäre schlecht (wir brauchen 6 Versuche, bis der Anker hält). Die Stadt selbst ist auch eher ein Dreckloch, aber es gibt eine beeindruckende Brücke zu einer schmalen Insel, auf der es nichts gibt. Daher hat man ein paar Kubikmeter Beton vergossen, um Wege, Treppen und Pavillons zu errichten. Die lustige Brücke heißt "bridge to nowhere" und wird gerne bewandert und bejoggt. 

In der Bucht sollen bis Ende März Buckelwale in größeren Scharen vorbeikommen, aber wir haben bisher keine entdeckt. Nur die BEAGLE, ein deutsches Schiff, das wir seinerzeit vor fast zehn Jahren auf den Bermudas das letzte Mal getroffen haben. Die Eigner waren damals schon Rentner und sind immer noch begeistert bei der Sache. Blauwassersegeln geht auch mit weit über siebzig Jahren, das macht Hoffnung. 

29. März 2023, Cockburn Harbour (Turks- & Caicosinseln) 

 

Eine Nacht, ein Tag und noch eine Nacht und zum Schluß ein bißchen bremsen, um erst im Hellen anzukommen. Unterwegs Sahnekraut mit Chorizo und die letzte, schon angerostete und verfallene Büchse von Kukis Erbsensuppe aus dem Harz, denn diesmal gibt es keine Goldmakrele. Dafür achterlichen Wind der Stärke 5 und hinter den ganzen karibischen Bänken (Navidad, Silver, Mouchoir) friedlichen Seegang. 

Die TCI's sind wie die Bahamas ein Flachwassergebiet, dessen Beherrschung wir nun erlernen müssen. Die Regelung geht über einen Farbcode: in blauem Wassers ist es tief, in grünem tief genug, in hellgrünem vielleicht noch, in gelbem nicht mehr, in weißem sitzt man auf dem Sand und in braunem oder schwarzem auf den Korallen. 

Wir finden vor South Caicos einen Ankerplatz auf drei Metern in glasklarem, hellgrünem, aber vielleicht ein Grad kälterem Wasser. 

Das Dinghy wird aufgepumpt, der Motor angebaut und die erste Pflichttour führt natürlich zu Customs & Immigration, 15min Fußweg durch eine ziemlich verkommene, menschenarme Siedlung. Die Prozedur dauert nur eine halbe Stunde und kostet 75US$. 

Läden und Restaurants sind in sehr kleiner einstelliger Größenordnung mit sehr begrenztem Angebot und sehr grenzenlosen Preisen vorhanden. Dies scheint mir so etwas wie der A... der Welt zu sein. Früher wurden hier Salinen betrieben, aber die dienen jetzt nur als Abstellfläche für ein paar Flamingos, obwohl die Solequelle noch sprudelt. Der versalzene Boden hat eine schöne Struktur und läuft sich wie eine Gummimatte. 

Wasserklarheit und -farbe sind das Beste von allem. 

01. April 2023, Southbank Marina, Providencials (Turks- & Caicosinseln)

 

Abends gibt es im Sunset Cafe' wenigstens sehr gute Conch-Fritters und eine Languste.

Am nächsten Morgen wagen wir uns auf die Caicosbank, ein Gewässer, das Tiefen von 0 bis 5m aufweist. Der sicherste Weg ist der längste, im Süden. Fischreich ist er auch, es gibt einen ordentlichen Barracuda. Am Ende gibt es nach 40nm eine kleine Insel, den French Cay, menschenleer und vogelreich. Wir ankern davor zusammen mit einem weiteren deutschen Boot, der PETER VON DANZIG, die ist mir schon öfter über den Weg gelaufen. 

Der nächste Tag beginnt mit einer Schnorcheltour zum Frühstück, tatsächlich sehen wir ein paar Korallen und bunte Fische. 
Wir fahren nach Norden bis Providencials, von da muß Maman am Sonntag zurück fliegen. Der Ankerplatz hier hinter einer Mini-Insel ist recht ruppig im kräftigen Ostwind und mit dem Dinghy ist es eine Meile zum Ufer, also entscheiden wir uns für eine Sechs-Meilen-Kreuz zur nächsten für unseren Tiefgang erreichbaren Marina. Die hat auch tatsächlich Platz, aber Preise wie in Miami. Wir fahren bei Hochwasser rein, es sind trotzdem nur 60cm unter dem Kiel. Wer hat mir alles schon "eine Handbreit" gewünscht? Das scheint die Summe aller Hände zu sein.

Meine Flagge hat stark nachgelassen, dabei ist sie noch kein Jahr alt, werde wohl die Ersatzflagge auspacken müssen.

02. April 2023, Southbank Marina, Providencials (Turks- & Caicosinseln) 

 

Maman, mein Fahrrad und ich nehmen ein Taxi, Maman bis zum International Airport, wir beiden anderen nur bis zum nächsten Supermarket. Von da geht es wieder über korallensandstaubige Straßen zurück zum Hafen. Da die Hafenkneipe heute geschlossen hat, muß ich mich selbst versorgen. Das klappt, es gibt auf der Insel ein sehr gutes craft beer. 

Die Landschaft und die Architektur bleiben ein bißchen unter den Erwartungen. "Turks- und Caicosinseln" klang immer so exotisch, aber exotisch klingt "Hoyerswerda" auch, zumal beide die gleiche Einwohnerzahl haben.

Morgen früh will ich nach West Caicos und von dort auf die östlichste Insel der Bahamas, Mayaguana. Da West Caicos unbewohnt ist, muß ich heute schon ausklarieren, das kostet auch wieder 75US$, aber dafür machen die Beamten einen Hausbesuch. Ich muß mich nun innerhalb von 24h aus dem Land entfernen, das wird schwierig... 

03. April 2023, West Caicos, (Turks- & Caicosinseln), übrigens auch UK

 

Pünktlich um acht lege ich ab, dann fällt mir beim Fender-Einpacken der Vorpiekdeckel auf den Kopf. Zum Glück trage ich ja immer meinen Schutzhelm, der zeigt plötzlich Blutspuren. Da ich von Kopfverletzungen andere Mengen gewöhnt bin, lasse ich die Sache aber an der Luft heilen. Immerhin bin ich heute endlich dazu gekommen, einen Befestigungsstropp für den Deckel zu installieren.

West Caicos hat ein ungenutztes altes Hafenbecken, in dem man ankern kann, was ich als bisher einziger Gast tue. Völlig ruhig und abgelegen, ich habe einen Bewohner und einen ihn beliefernden Fischer gesehen. 

Die Einfahrt ist eng, deshalb hat man sie betonnt. Die Tonnen sind allerdings schwer auszumachen, insbesondere für die rote muß man ziemlich dicht ran.

05. April 2023, Abrahams Bay, Mayaguana (Bahamas) 

 

Die Bahamas sind ja mein Traumziel, also bin ich erstmalig angekommen. Nach 54nm von West Caicos auf Raumschotskurs, und ich habe auch rechtzeitig mit der Spätnachmittagssonne im Rücken die letzten 4nm durch die Abrahams Bay um die Korallen herum navigiert, um dann auf 3m den Anker fallen zu lassen. Zur Küste hin wird es noch flacher, also muß ich die letzte Meile tmit dem Dinghy zurücklegen und davon die letzten 100m rudern und treideln. Der erste Eindruck ist der einer gottverlassenen Gegend, ein paar heruntergekommene Hütten und Mangroven, ein Korallensandweg zum Funkturm, den haben die Amis stehen gelassen, als sie vor 50 Jahren abgezogen sind. Scully kommt aus dem Dorf heruntergeradelt, er trägt ein Funkgerät an der Hose und ist wohl so etwas wie das örtliche Begrüßungskomitee und der Yachtie-Verantwortliche. Wir setzen uns unter einen Baum und er erzählt ein paar Storys, was er wirklich will, kann ich nicht sagen. Jedenfalls ist er mein Jahrgang, seine Dreadlocks, die unter der Mütze hervorschauen, sind grau und nur noch makkaronidick. 
Das Dorf ist fast menschenleer und ähnlich trostlos, die drei Läden haben zu, der Konsumbesitzer sieht mich aber kommen und schließt auf. Es stinkt gräßlich in seinem Laden und sieht auch nicht gut aus, ich kaufe anstandshalber ein tiefgefrorenes Toastbrot, eine Zwiebel und ein Glas Marmelade für zusammen 14$. 

Am Strand unter den Palmen finde ich einige Kokosnüsse, die noch gluckern, und packe sie ein. Wenn mal wieder Besuch kommt, braucht man etwas zum Anbieten. Das Öffnen ist schwierig, die Oszillationssäge funktioniert nicht bei trockenem Bast, die Machete will auch keinen elastischen Gegner. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen... 

Das Wasser ist sehr klar, der Ankergrund sehr weiß. 

06. April 2023, Attwood Harbour, Acklins Island (Bahamas) 

 

Früh halb achte geht es los, Ziel sind die Plana Cayes, zwei kleine, flache (plane) Inselchen in 42nm Entfernung. Der Wind kommt raum mit engagierten 5 Bft., da geht noch mehr! Ich fahre einfach dran vorbei bis in die nächste, richtige Bucht, Attwood Harbour. Ich bin nämlich etwas in Eile, um nach Long Island in die einzige Bucht in der Gegend zu kommen, die gegen den für Montag und Dienstag angesetzten Schwell aus Norden geschützt ist. 

60nm in genau 8h inklusive Anker 'nuff un' 'nunner, das macht, wenn mich nicht alles täuscht, eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 7,5kn. Das Manöver klappt, der Anker fällt auf 3,20m und gräbt sich in den weißen Sand, die Bucht ist geschützt, idyllisch und nicht überfüllt, die Sonne scheint, der Sandstrand ist weiß, ich verspüre ein sanftes Glücksgefühl. 

08. April 2023, Little Harbour, Long Island (Bahamas)

 

Zügig geht es weiter, von Acklins nach Crooked Island, mit dem beliebten raumen Wind. Dabei muß man das Großsegel bis an die Wanten und Salinge öffnen, natürlich schamfilt es wieder und ich muß es verpflastern. Für das Problem bräuchte ich auch noch eine sinnvolle und endgültige Lösung.

Hinter Crooked Island kann man wunderbar direkt vorm Strand ankern und von da einen Inselspaziergang machen. Der führt entlang eines übel riechenden saltwater pond über eine staubige Korallensandstraße zum Flughafen, die Landebahn ist Teil des Weges. Tatsächlich kommt 10 min später eine Cessna an. Da gibt es keine Schranke oder so, man muß gefälligst selbst in den Himmel nach Lee gucken. Der Hafen ist aufwendig und ziemlich leer, laut Karte käme ich da gar nicht rein, der Hafenmeister spricht aber von mindestens 3m Wassertiefe in der Einfahrt und 4m im Hafen.

Der Staub muß runtergespült werden, da hilft ein bahamisches Bier in der Hafenbar und ein Schwatz mit dem First Mate einer der Luxusyachten aus Miami, der nur gebrochen englisch spricht und vom Barmann Salsa auf die Lautsprecher legen läßt. Über meine spanischen Brocken freut er sich so, daß er mir noch ein Bier spendiert. Später kommen noch vier amerikanische Segler aus Boston dazu, die mich gestern beim Ankern unterm Regenbogen fotografiert haben, es wird ein netter Abend, ich sehe zu, daß ich noch vor Sonnenuntergang über die Korallensandstraße zu meinem Dinghy und damit zu meinem Boot finde. 

Heute mit den Resten des Ostwindes schaffe ich es noch nach Little Harbour, das scheint mir gut geschützt vor dem Schwell, der ab übermorgen kommen soll. Hier treffe ich die BEAGLE wieder, die sind über Nacht gefahren und deshalb wieder gleichauf. Das, was ich heute noch segeln konnte, mußten sie allerdings motoren. Die BEAGLE ist aus Stahl.

 

Frohe Ostern! Ich habe schon ein Osterei gefunden. 

10. April 2023, Clarence Town, Long Island (Bahamas) 

 

In Little Harbour liege ich zwar sehr ruhig und schön, aber ich muß immer noch einklarieren, die Amis wurden schon vom Dorfsheriff nachdrücklich verwarnt. Also fahre ich heute unter Motor (wegen Flaute) die 13nm hinter der BEAGLE her, die die nächsten Tage in der Marina in Clarence Town bleiben und sich auf die Rückfahrt nach Europa vorbereiten will. Gestern sind sie mich mit ihrem Dinghy besuchen gekommen, aber heimwärts streikt ihr Außenborder. Daraufhin habe ich sie besucht und wir haben mein Lieblingsspiel gespielt: Vergaser zerlegen und reinigen. Bei den Mengen an Wasser und Dreck darin kann man durchaus Verständnis für seine Arbeitsverweigerung aufbringen. Hoffentlich geht er jetzt wieder. 

Für die Einklarierung, die übrigens 300$ kosten soll, muß man sich vorher in einem speziellen Programm im Internet anmelden. Das dauert bei mir ca. 1h und kostet unheimlich Nerven. Und morgen darf ich dann bei den Beamten vorstellig werden, die ab 09:00 Uhr (!?!?) hier im Marinabüro eintreffen sollen. 

Der Ankerplatz vor Clarence Town ist leer, in der Marina liegt neben der BEAGLE nur noch ein weiterer Segler. Der Besucher mit seinem Dinghy wird sofort von den im Hafen ansässigen Ammenhaien (schweigend) und dem Hafenmeister (lauthals) begrüßt.
Was man da sieht, sind keine Wellen, sondern das ist die Struktur des Sandbodens. 

11. April 2023, Clarence Town, Long Island (Bahamas) 

 

Nix 09:00 Uhr, nix 10:00 Uhr, sondern 08:00 Uhr - aber erst morgen. Heute gar nix. Nun gut, die Bäckerei ist auch noch im Osterurlaub, hier läuft alles in "Island Time". Dazu ist heute Landregen angesetzt (der Schwell war übrigens friedlicher als erwartet). 

Ich könnte baden gehen, ist ja eh' alles naß, aber da sind so Schatten um's Boot unterwegs. 

Die AURORA VON ALTONA ankert neben mir, vielleicht trauen sich die Jungs eher. Ich mache derweilen ein Trinkkur mit Hanftee und Portwein, das reinigt Geist und Körper, das Boot ist schon gewischt und gespült. 

12. April 2023, Clarence Town, Long Island (Bahamas) 

 

Der Officer ist heute 10:00 Uhr gekommen und hat meine 300,-$ in Empfang genommen. Neben der Aufenthaltsgenehmigung und einem Stempel in den Paß habe ich noch eine Angelgenehmigung bekommen, ein Schnäppchen also. Die Bäckerei ist auch geöffnet, ab 12:00 Uhr soll das Brot fertig sein. Ich bin 13:00 Uhr da, Island Time. Ganz falsch, 13:00 Uhr ist das Brot ausverkauft. 14:00 Uhr fängt es an zu regnen, 16:00 Uhr mach ich mir ein Bier auf. Vorher habe ich vor lauter langer Weile Zangen, Hammer und das restliche Gedödel aus Werkzeugasten Nr. 2 entrostet und eingefettet. 

Der Wetterbericht sieht auch trübe aus, Wind für die Weiterfahrt nach Norden ist nicht wirklich in Sicht. 

14. April 2023, östlich von Long Island (Bahamas) 

 

Das Brot aus Erica's Bakery ist gut und schwer, so wie Erica selbst, aber beide habe ich im Verdacht, an zu hohem Zucker zu leiden, vom Brot kann ich es mit Gewißheit sagen. 

Irgendwann muß man auch weiterfahren. Der Ankerplatz war durch den Schwell sowieso etwas unruhig. Es bläst eine leichte 4, hoffentlich bis hoch nach Conception Island, das 47nm nördlich liegt und eine der idyllischsten Inseln mit dem herrlichsten Strand der Bahamas sein soll. Unbewohnt und Naturschutzgebiet. Danach will ich noch in die Calabash Bay im NW von Long Island und nach George Town auf Great Exuma. Von dort trete ich laut Plan den geordneten Rückzug nach Süden an, um Anfang Juni mit Beginn der Hurrikansaison die gefährdete Region hier hinter mir zu lassen und in Cartagena, Kolumbien einen neuen Kontinent zu betreten. 

Mitten durch Long Island verläuft der Wendekreis des Krebses, ich bin raus aus den Tropen! Wenn man einmal nicht aufpaßt... 

15. April 2023, Conception Island (Bahamas) 

 

Mit einer hammerharten 3, manchmal sogar einer leichten 4 trudele ich den ganzen Tag bis in die völlig schwellfreie West Bay von Conception Island und ankere auf weißem Sand (langsam wird's langweilig). Der liegt auch sauber und glatt an dem langen Strand, das muß wohl so sein. Davor gibt es ein beschnorchelbares Riff, das von einem dicken Zackenbarsch bewacht wird. 

Apropos Fisch, gestern habe ich mich entschlossen, endlich mal zu angeln und den Fisch womöglich dann alleine zu landen und zu töten. Tatsächlich habe ich auch einen Biß, aber nach zehn Sekunden ist die Angel ohne Widerstand. Meinem pinken Tintenfisch fehlen jetzt allerdings drei Arme, vorher war es ein Tridecantopus, jetzt ist es halt nur noch ein Decantopus. 

Die Insel wird von mir bewandert (es gibt Strand, Felsen und Gestrüpp) und mit dem Dinghy erkundet, denn 2nm südlich ist die Einfahrt in einen flachen, weiträumigen und verzweigten Mangrove Creek (es gibt Schildkröten, Conchs und Rochen). 

Abends gibt es Kartoffelgratin und Gewitter. Statt des Gratins kommen nun alle Laptops, Tablets und Handys in den Ofen, der zum Glück schon wieder abgekühlt ist. Es blitzt und rumpelt einmal sehr dicht, dann ist es über uns hinweg.

18. April 2023, Calabash Bay, Long Island (Bahamas) 

 

Die Calabash Bay ist groß und hat drei Riffdurchfahrten, dann kann man eine viertel Meile vor dem Strand ankern, auf ... Wie immer. 

Am Strand gibt es ein schönes Resort mit einer netten Bar und einem Restaurant. In der Bar gibt es eine Happy Hour, in der jedem Tisch 4 Conch Fritters zum Drink gereicht werden. Ich sitze allein am Tisch und bin danach im Prinzip satt. Da ich aber für das Dinner eine Reservierung getätigt habe, nehme ich dann noch einen kleinen Lobstersalat und bin richtig satt. Das Dinghy kommt nur mühevoll ins Gleiten auf dem Heimweg. Das hat's auch nicht leicht. 

Um nicht zu überhitzen, muß ich öfter ins Wasser und schrubbe dabei pflichtbewußt das Unterwasserschiff. Unter dem Bugstrahlruder ist eine Ecke aus dem GfK geschlagen, sehr mysteriös. Irgendwann muß das Boot halt raus und repariert werden. 

Gestern Nacht fängt es wieder im Norden böse an zu blitzen, eigentlich blitzt es durchgängig am Horizont. Ich habe ja eine Blitzableiteranlage irgendwo verpackt, bestehend aus dicken Kabeln, die an Mast und Wanten geklemmt, und dicken Kupferbändern, die von den Wanten dann ins Wasser gehängt werden. Schön sauber aufgerollt und kupfern glänzend liegen sie in einem Plastikkoffer auf Schaumgummi gebettet. Aber Blitze sind mir nicht geheuer, ich montiere die Anlage und packe wieder alle Elektronik in den Ofen. Bis 23:00 Uhr bleibe ich wach und nervös, dann verzieht es sich doch nach Westen, ohne uns zu nahe gekommen zu sein. 

20. April 2023, Sand Dollar Bay, Stocking Island/Great Exuma (Bahamas) 

 

Hier is' wat los! Gut gefüllte Ankerplätze wie seit den Grenadinen nicht mehr. Aber wenn man bis nach vorne in die erste Reihe fährt, findet sich noch ein schöner Platz. 5m bis zum weißen Sand, in die andere Richtung 100m. Es gibt auf Stocking Island ein Ressort mit Strandbar und die Chat'n'Chill Beach Bar, das kleine Bier für 7$. Aber chillig isses, für alle Beteiligten. Man muß allerdings 30min wandern oder 10min mit dem Dinghy fahren. 

Ich fahre heute nach George Town (15min), um mich etwas zu verproviantieren und mir eine einheimische SIM-Karte zu kaufen. Das klappt einigermaßen, es gibt typische karibische Super- und Märkte und einen sogar mit fast amerikanischem Angebot. Also endlich wieder saure Sahne und Steaks, aber keinen eßbaren Käse. Chicore' aus Belgien liegt im Kühlregal, das Stück 4$. Immerhin. 

Der Ritt bei Gegenwind über die Wellen zurück kostet mich etwas Substanz. 

21. April 2023, Sand Dollar Bay, Stocking Island/Great Exuma (Bahamas)

 

Heute ist Wandertag, Punkt 12:00 geht's los, es soll ja ordentlich brennen. Man hat mir den Art Trail empfohlen, ich erwarte moderne Kunst am Wegesrand, aber es ist nur ein enger Trampelpfad durch den Busch zum Salt Pond, von da zur Südspitze von Stocking Island mit schönem, einsamem Strand und am Wasser wieder zurück. 

Dann reite ich wieder in die Stadt - diesmal sitzend und nicht kniend, das tut aber auch weh, nur woanders - und stürze mich ins Kirmesgetümmel, das rings um die laufende Traditionsregatta stattfindet. 

Beim Einkauf bin ich wieder überrascht und merke, daß ich noch sehr viel lernen muß. Dabei ist es gar nicht so schwer, für 7$ bekommt man z. B.:

355ml Bier in der Chat 'n' Chill Bar,

1 frisch geöffnete Kokosnuß auf dem Volksfest,

300g Black Angus Steak aus der Oberschale im Supermarkt,

1000ml teilentrahmte H-Milch, auch im Supermarkt.

Jetzt muß man halt nur wissen, was man will. Ich weiß noch nicht, ob ich die Milch zum Frühstück weglassen und dafür das Steak nehmen soll. Bier und Kokosnuß sind raus, die nehme ich nicht mehr.

22. April 2023, Sand Dollar Bay, Stocking Island/Great Exuma (Bahamas)

 

Heute ist wieder Wandertag, diesmal nach Norden und schon ab Punkt 09:00. Es dauert auch drei Stunden, dann habe ich die ganze Insel abgearbeitet. Weil zu Hause fleißig im Garten vertikutiert wird, will ich nicht faul sein und vertikutiere auch noch das Unterwasserschiff. Jedenfalls zur Hälfte. 

Hinter mir ankern viele lustige Taiwan Clipper, das sind kleine und knuffige, aber seetaugliche Motorboote. Alles amerikanische Rentner, man nennt sie "snowbirds", weil sie mit einsetzendem Schneefall (in Montana?) nach Süden (aus Florida?) auf die Bahamas ziehen und im Mai wieder zurück. Insgesamt schätze ich die Zahl der ankernden Boote vor Great Exuma auf etwa 300. Und die Bahamas haben über 700 Inseln!

25. April 2023, Sand Dollar Bay, Stocking Island/Great Exuma (Bahamas)

 

Bin immer noch da. Bis jetzt muß ich noch nicht einmal die Bucht wechseln. Vielleicht muß ich das am Freitag, da soll der Wind über Südost auf Süd drehen, dann liege ich auf der Südwestseite des Exuma Sound ruhiger.

Bin noch mal Mal in die Stadt geritten zum Einkauf, diesmal habe ich einen oxtail erstanden, der sollte mir für ein paar Tage reichen. Frischen Rotkohl gibt es auch, das wird eine ganz exotische Woche. Eigentlich sollte es noch exotischer werden, denn ich habe erstmals einem Fischer genau zusehen können, wie er die Conchs aus ihrer Schale löst: man braucht einen Zimmermanns-hammer und ein langes Messer. Dann sollte man noch wissen, was die Innereien sind, die man wegschneiden muß. Er empfiehlt mir, das Viehch als Sushi zu essen, roh und frisch, mit etwas Zitrone und Pfeffer. Ich kaufe ihm ein küchenfertiges Tier ab, allerdings entwischt es mir unterwegs aus dem Einkaufsbeutel, als ich den irgendwo zum Telefonieren abstelle (vermutlich). Das eigene Ungeschick ist doch immer wieder niederschmetternd. 

Trotz der guten Kupferfarbe ist das Unterwasserschiff ganz schön bewachsen, seit vier Tagen bin ich am Schnorcheln, Spachteln und Putzen. Heute investiere ich noch eine kleine Tauchflasche voll Luft, um auch Kiel und Propeller sauber zu kriegen. Es reicht nicht ganz, ich muß morgen die nächste opfern und lernen, weniger zu atmen. Der Tauchshop in Georgstadt will sie mir wieder füllen, ich habe gefragt: 7l Luft = 7$. Logisch.

Auf den Bahamas gibt es keine Radiosender. Nix UKW. Erstaunlich.

27. April 2023, Sand Dollar Bay, Stocking Island/Great Exuma (Bahamas) 

 

Heute ist Schlachtfest, es werden zwei Kokosnüsse fällig. Die Machete wird noch mal gewetzt und dann ab mit dem Dinghy an den Strand, damit an Bord nicht wieder so eine Sauerei entsteht. Der Saft aus der Schale macht dauerhafte braune Flecken auf dem Gelcoat, und einmal daneben gehauen, dann ist ein dicker Schnitt im Teakdeck. Aber auch bei der Strandschlachtung ist darauf zu achten, daß die Rückfahrt mit der gleichen Anzahl an Fingern wie die Hinfahrt stattfindet und das Dinghy nicht versehentlich abgestochen wird. Ersteres klappt gut, nun noch schön vorsichtig - pfffffffffff... oh, bin ich mit der Spitze etwa irgendwo dagegen gekommen? 

Es gibt doch nichts Schlimmeres als die Erkenntnis der eigenen Dummheit und des eigenen Ungeschicks. Wenn ich etwas lerne auf dieser Reise, dann viel über mich. Und die Unvereinbarkeit von spitzem Werkzeug und Schlauchbooten. 

Als die Jungs noch klein waren, haben große Pflaster immer besser geholfen als kleine, also schneide ich gleich die Hälfte meines Reparatursets ab und schmiere eine halbe Tube Kleber drauf. Warten, bis es nicht mehr klebt, denn dann klebt's. Ordentlich rakeln und noch die Frühstücksbrettchen mit der Schraubzwinge hinterher. Aber bisher haben alle Klebestellen irgendwann wieder Nebenluft gezogen... 

30. April 2023, In da Middle, George Town, Great Exuma (Bahamas)

 

Das große Pflaster auf dem Dinghy scheint (erstmal) zu halten. Verbrauchtes Material muß natürlich aufgefüllt werden, aber der Hardwareshop in George Town hat keinen PVC-Kleber mehr, also fahre ich über 2nm mit dem geklebten Dinghy zu Brown's Marine Store. Dort ist er auch alle. 

Heute bläst es mit 6 Bft. aus Süd, deshalb habe ich mich schon vorgestern so weit wie möglich vor die Stadt und die Moss Cays gelegt, die auch einen ganz guten Schutz vor den kleinen Stuckerwellen bieten, die sich um mich herum aufbauen. Drei Meter ist es hier tief, näher ran geht nicht, es sieht unter Wasser schon bedenklich aus, wenn der Kiel nur einen Meter über dem Boden schwebt. Dort hinten ist alles Katamaran-Gebiet, die haben nur 1m Tiefgang.

Ich frequentiere die örtliche Wäscherei, die von einem rappeldürren, alten Ex-Colonel und mit offener Propanflamme für die Wäschetrockner betrieben wird. Insbesondere Bettlaken und Handtücher sind fällig, das in der Sonne verstärkt gebildete Melanin scheint aus dem Stratum basale zügig an die Hautoberfläche zu diffundieren und sich dort abzuschmirgeln. Wenn das stimmt, müßten die Bettlaken der Eingeborenen nach noch viel kürzerer Zeit in die Wäsche?!

Erstaunlicherweise habe ich viel Zeit und wenig zu tun, das ist neu. Gut, ein bißchen putzen und hier und da polieren, etwas nachnähen oder kleben, Essen kochen, um's Boot schwimmen, lesen, Kokosnuß naschen, Routen planen, aber sonst mache ich: nix!

03. Mai 2023, In da Middle, George Town, Great Exuma (Bahamas)

 

"In da Middle" heißt genau das, was man vermutet. Da die Winde leicht sind und umlaufend, zicken und zacken wir uns mehrmals rund um den Anker in der Mitte. 

Das Unterwasserschiff ist sauber, die Tauchflaschen sind leer. Also ab damit zum Tauchshop. Ich muß dreimal anfahren, bevor ich jemanden antreffe. Anrufen ist auch nicht wirklich möglich. Und dann ist hier schon Amerika. Und in Amerika ist alles anders, natürlich auch die Gewinde der Tauchflaschen. Wir brauchen einen Adapter, aber wir haben keinen.

Während der Wartezeit studiere ich das Versorgungssystem der Insel. Es funktioniert per rostigem Frachtschiff und logistischer Cleverness: sobald der Seelenverkäufer angedockt hat, kommen viele Gabelstapler, holen alle Pakete von Deck und stapeln sie mit ihrer Gabel auf eine freie Fläche am Hafen. Dort liegen sie, bis die Empfänger mit Auto oder Leiterwagen vorbeikommen und sie einsammeln und mitnehmen. Nix Amazon, nix UPS, nix DHL, nix Lieferwagen, nix zugeparkte zweite Reihe. Läuft.

07. Mai 2023, Monument Beach, Stocking Island/Great Exuma (Bahamas)

 

Das Wetter ist wechselhaft, gestern hat es den ganzen Tag geregnet, heute scheint die Sonne und es windet mit 5Bft. aus ENE, deshalb liege ich wieder etwas stadtferner auf der Stocking-Island-Seite. Aber ich bin bis morgen gut versorgt, eine Notzitrone verhindert den Skorbut auch noch für zwei weitere Tage.

Vorgestern habe ich eine kleine Strandwanderung absolviert zu "Da Sand Bar", aber unabsichtlich, die war dann auf einmal da. Die Vegetation besteht hier im Nordteil der Insel aus (Bahama?)-Kiefern, aber wir sind ja auch nicht mehr in den Tropen.

Ich koche Bolognese, Porc-Mango-Curry und indische Linsen. Da ich es nicht gewohnt bin, für Alleinsegelnde zu kochen, und wegen der amerikanischen Abpackungsgrößen im Supermarkt, gibt es jedes Gericht mindestens zweimal. Den Rest koche ich in Gläser ein, für schlechte Zeiten. Dabei wird natürlich irgendwann die Gasflasche alle und ich muß sie tauschen. Der Gaskasten ist unter dem Backbord-Laufdeck und der Deckel ist nur aufgelegt und nicht als dichte Luke gedacht, so daß jede überkommende See erstmal über die Gasflasche fließt. Genauso sieht sie auch aus, man muß Glück haben, daß sie alle wird, bevor sie durchrostet. Also Großeinsatz für Drahtbürste, Dremel und Rostumwandler. Ob mir die noch jemand umtauscht? Hier frage ich gar nicht erst, die haben mit Sicherheit nur das amerikanische System mit Zoll-Rechtsrum-Gewinde, Campingaz dagegen ist zutiefst französisch. Ich hoffe auf Papeete. Oder eine kolumbianische Dschungel-Abfüllstation, die sind dort sehr erfinderisch, um die Bunsenbrenner ihrer Crack-Labore am Laufen zu halten. Zur Produktion von Crack (Kokain als freie Base, kann man dann rauchen, Vorstufe des bekannten weißen Schnupfpulvers Kokainhydrochlorid) aus Kokablättern braucht man Aceton, dessen Besitz in Kolumbien strafbar ist, aber ich habe meine Chemikalienkiste kontrolliert und diesmal keins an Bord.

12. Mai 2023, Monument Beach, Stocking Island/Great Exuma (Bahamas) 

 

Ich sitze und warte auf meinen Mitsegler nach Cartagena, aber der verlustiert sich noch in Florida. Morgen soll er per Flieger und großem Gepäck (ich habe ganz viel bestellt) hier auf Great Exuma eintreffen. Pünktlich dazu geht der Wind übermorgen in den Keller und kommt dann von dort langsam wieder hoch (aus Süden). Im Moment bläst er fröhlich aus Nordost, so ist das im harten Seglerleben. 

Beschäftigt bin ich trotzdem, ich versuche wieder, das Satellitentelefon dazu zu kriegen, mir Wetterberichte aus dem landfernen Äther auf's Handy zu holen: geht nicht. Die Technologie ist zwar alt und teuer, aber trotzdem noch nicht ausgereift. Der Support sitzt in Neuseeland, also vergehen zwischen meinen Fragen und deren Antworten immer 24 Stunden. Viele Amis hier haben schon die typischen rechteckigen StarLink-Antennen auf ihren Booten, vielleicht muß ich irgendwann die 1000€ für das Iridium-Teil abschreiben und neu investieren. 

Zwischendurch lese ich die alten Bücher von Bobby Schenk und Wilfried Erdmann, der ja leider diese Woche gestorben ist. Das war einer der größten deutschen Langfahrtsegler, er ist aber alt genug geworden, um alles zu schaffen, was er wollte, glaube oder hoffe ich. Der hat das Segeln und das Leben auf dem Meer wirklich geliebt. 

Dann entdecke ich hinten im Bücherschapp noch ein paar skandinavische Schriftsteller. Weil ich ganztägig schwitze, hoffe ich auf etwas Erfrischendes. Und tatsächlich steht da als Antwort auf die Frage, was mich hierher getrieben hat: 

 

Vermutlich ein Traum, der Traum, beim Segeln vollkommene Freiheit zu empfinden sowie Mensch und Natur auf eine Weise zu erleben, die der Frage nach dem Sinn des Lebens ihre Berechtigung nimmt. (Björn Larsson) 

 

Oder hier, noch besser: 

 

Vielleicht wird sich noch herausstellen, daß die Lust zu reisen des Menschen ureigene Bestimmung ist, auch wenn Hunger und Liebe zu ihrem Recht kämen. (Harry Martinson) 

 

Was ist das für ein Mensch, der so einen Satz schreiben kann? Alter Schwede! 

16. Mai 2023, Clarence Town, Long Island (Bahamas) 

 

Gerold ist angekommen, mit Gepäck und Verspätung. Die Bestellungen stellen sich natürlich zum Teil als unpassende Falschlieferungen heraus, nun gut, er braucht ja auch wieder etwas für den Rückweg. 

Wir verlassen den heimatlichen Exuma Sound und kreuzen in die Calabash Bay an der Nordwestecke von Long Island. Dort liegt ja das nette Resort mit der berühmten Conch-Fritters-Bar und tief drinnen im Mangrovengewühl das Sunset Restaurant, das wir per Dinghy erreichen und - man muß vorher anrufen und bestellen - in dem wir Grouper und Lobster verspeisen. 

Auf dem Weg regnet es, die Motoranzeige auf dem Steuerpaneel wird blind und reagiert nicht mehr auf Tastendruck. Ein Bauteil, das dem Wetter ausgesetzt ist und das daher wasserdicht sein sollte. Die Demontage zeigt die Dichtigkeit sehr überzeugend, das nach den Korrosionsspuren schon öfter eingedrungene Wasser fließt von alleine nicht mehr heraus. Toll! Wir trocknen und pusten, dann wird es wieder eingebaut und mit einer Folie abgedichtet. Es funktioniert jetzt manchmal. Wir brauchen ein neues, ganz klar. 

Für die nächsten acht Tage ist Flaute angesetzt, außer für Donnerstag abends und nachts. Da müssen wir wohl schon eine Nachtfahrt üben, um nach Great Inagua zu kommen. Heute motoren wir drei Viertel der Strecke nach Clarence Town. 

Hier noch ein paar kitschige Bilder aus der Calabash Bay auf Long Island. 

17. Mai 2023, Little Harbour, Long Island (Bahamas) 

 

Heute vor einem Jahr bin ich in Greifswald gestartet, wir feiern Jahrestag! 

Außerdem schneide ich wieder ein Stück Schlauch von der Wasserpumpe zum Wassermacher ab, weil sich erneut ein Loch darin aufgetan hat, das das Wasser in die Bilge laufen läßt. Man hört die Wasserpumpe regelmäßig immer wieder anspringen, das heißt nichts Gutes. Es dauert auch ein paar Minuten, bis man das Leck gefunden hat. Druckschlauch mit eingegossener Stahlspirale, die rostet und zerstört dabei irgendwie das Schlauchgummi. Klar, wenn das Motorpaneel Wasser rein läßt, warum soll ein Schlauch nicht auch mal Wasser raus lassen. 

In Clarence Town kommt wieder der beliebte Customs Officer vorbei und wir klarieren bei der Gelegenheit schon mal aus. 

18. Mai 2023 (Christi Himmelfahrt), Südspitze von Long Cay, (Bahamas)

 

Heute ist nicht wirklich Himmel-, sondern eher Motorfahrt. Nach drei Stunden verläßt uns der Wind. Der angebissene Fisch verläßt uns auch nach fünf Sekunden.

Wir überlegen, nach Kuba zu fahren. Aber Kuba hat keinen offiziellen Einklarierungshafen an seiner Ostküste und das Internetz behauptet, die Einreise an anderer Stelle sei verboten. Laut internationalem Recht darf man normalerweise für 24h ohne Einklarierung bleiben, aber dann nicht an Land. Man kann sich zwar dumm stellen, aber es ist mit einer funktionierenden Küstenwache zu rechnen, die Kubaner sollen ja nicht abhauen. Vor 15 Jahren sind wir mal an der falschen Stelle nach Rußland eingereist und wurden umgehend von deren Küstenwache geortet, aufgebracht, geentert und geschröpft.

Also fahren wir wohl morgen und über Nacht (dann soll wenigstens etwas Wind sein) die 110nm nach Great Inagua und von dort dann nach Haiti, da kennt das Internetz eine sichere Bucht an der Nordwestspitze. 

20. Mai 2023, Matthew Town, Great Inagua, (Bahamas)

Von wegen etwas Wind. 9kn waren vorhergesagt, die "1" vor der "9" nicht. Nach 2h erwischt uns eine Gewitterzelle mit Starkregen und über 50kn Wind. Die dunkle Wolke ist zu sehen, aber auf dem Wasser keine Schaumkronen oder irgendwelche Hinweise auf Böen, weil der Regen jegliche Sicht versperrt. In 5min von Schrittgeschwindigkeit auf Vollgas, da muß es dann schnell gehen. In der Hektik drehen wir an der falschen Rollreffleine, anstatt die Genua wegzureffen, wird die eingerollte Fock weiter stranguliert, bis deren Umlenkblock seine Einzelteile von sich gibt. Weiter geht nichts kaputt, auch die Elektronik bleibt von den in der Nähe einschlagenden Blitzen verschont. Aus der entspannten Nacht wird eine Am-Wind-Fahrt im 2. Reff, schlafen kann keiner. Dafür sind wir schon früh um Fünf vor dem zu dieser Tageszeit ganz schlecht beleuchteten Ankerplatz, haben zum Glück die Segel fast unten, als es wieder mit fast 40kn anfängt zu pusten. Keine Chance auf ein Ankermanöver, stattdessen müssen wir unter Motor in der Bucht hin und her fahren, bis Regen und Wind auf ein erträgliches Maß abnehmen. Sonst frühstücke ich ja nicht so früh, aber heute müssen es ein Bier, ein Rum, ein Zigarillo und eine Dusche sein.
Matthew Town auf Great Inagua ist ähnlich wie Abrahams Bay auf Mayaguana, das letzte Kaff auf der letzten Insel. Ein freundlicher älterer Herr hält mit seinem Auto und will uns mitnehmen, er fährt uns zweimal durch das Settlement und bis zum Leuchtturm, der wäre manchmal noch in Betrieb!?!? Dann noch zu einer Bar, er läßt sich gerne ein Bier und einen Tequila spendieren, kauft sich selber noch einen zweiten, fährt uns danach zum örtlichen Ramschladen und wieder zurück zum Hafen. Früher wäre er Tankerkapitän gewesen, die Barfrau nennt ihn tatsächlich auch "capitan". Er behauptet auch, daß man nach Mole Saint-Nicolas an der Nordwestecke Haitis problemlos fahren könne. Nur in der Hauptstadt Port au Prince würde man ermordet. Also Haiti statt Kuba. Die Überfahr von dort nach Cartagena soll laut Wetterbericht nicht vor nächstem Samstag losgehen.
Wir packen das Dinghy weg, denn die Wettervorhersage ist ähnlich wie gestern, und gestern ist es beim Hinterherziehen im Sturm umgekippt. 

21. Mai 2023, Matthew Town, Great Inagua, (Bahamas)

 

Mückenplage! In Little Harbour haben uns die No-See-Mos erwischt, die nicht sichtbaren Moskitos, die nur so groß sind wie ein Bleistiftpunkt, und hier kommen die richtigen Stechmücken, also Culex. Anopheles und Aedes sind nicht darunter, soweit ich sehen kann. Das Mückenspray ist alle, davon habe ich zu wenig dabei. In dem Ramschladen gibt es natürlich keins.

Gerold versteckt sein Bargeld mittels Schraubenzieher tief im Schiff, Diebstähle scheinen ähnlich bedrohlich wie die Blitze, die ihn in der Nacht nicht haben schlafen lassen. Die Suche nach einer Website mit Zugbahnen von Gewittern ist jetzt das Wichtigste.

22. Mai 2023, Mole St. Nicolas (Haiti)

Es wird eine ruhige Segelnacht mit Schleichfahrt bei 2-3Bft, denn in die Bucht soll man erst bei guter Sicht einfahren, die Fischer würden überall Reusen auslegen. Und so ist es auch.
Hier passiert alles in Handarbeit, die Fischer segeln Holzkähne mit Krebsscherensegeln und ohne Motor. Am beschriebenen Ankerplatz hält der Anker nicht, es ist steil und voller Korallen. Der ansässige Fischer kommt mit seinem kleinen Sohn und seinem alten Vater angerudert und legt unseren Anker eigenhändig schnorchelnd auf 7m Tiefe in ein kleines Sandfeld. Dafür geben wir ihm fünfzig Meter alte Angelschnur, ein altes T-Shirt, fünf neue Dollar und ein paar Kekse für den Kleinen, der Vater freut sich am meisten.
Jeder, der ein Boot hat, kommt vorbei gefahren, grüßt und fragt nach etwas zu essen oder will uns Lobster und Conchs verkaufen. Aber alle sind nett und nicht aufdringlich. Der Fischer heißt Mouhammed (ganz Haiti ist christlich) und rudert uns mit seinem Bruder in die Cite', da brauchen wir das Dinghy nicht aufzupumpen und zu riskieren. Die Cite' ist eine von Wegen durchzogene Müllhalde, die Häuser gibt es in verschieden Stufen des Baus oder Verfalls, beides ist auch gleichzeitig möglich. Wir werden zum Markt geführt und erstehen jeweils vier Eier, Zwiebeln, Paprika und Bananen. Die Stände sind aus Ästen und Lumpen gestaltet, der Boden ist die Präsentationsfläche. Ich muß zirkeln, um nicht irgendwo draufzutreten. Es herrscht Armut, aber man kann durchaus etwas zu essen kaufen.
Wir wollen auch eingeborenes Bier kaufen, aber Mouhammed führt uns zu einem Laden(?), vor dem nun vier Klappstühle und ein Klapptisch aufgebaut werden, schon haben wir eine Straßenbar und jeder eine Flasche "Prestige". Der unsympathische "Brigadier" (so nennen ihn die Fischer) kann etwas englisch, der Versuch, 20 Flaschen zu erwerben, endet im Desaster, Gerold und er reden aneinander vorbei. Auch das Verkaufsgespräch mit Mouhammed vom Morgen ist daneben gegangen, der Fischer hat nicht verstanden, daß er 3 Lobster liefern soll. Ich gebe mir die größte Mühe, ihm unseren Wunsch noch mal klar zu machen, und er bringt dann tatsächlich tiefgefrorene aus vergangenen Beutezügen an. 6 Viehcher für 12$, dös paßt scho. Wir schaffen jeder nur 2, so bleiben noch 2 für morgen.
In der Stadt werden wir von einem "Kommissar" (so nennt ihn der Fischer) angesprochen, wir sollten uns zur Einklarierung im Office melden. Da wir keine Papiere dabei haben, vertrösten wir ihn auf morgen und beschließen, lieber morgen früh weiterzufahren, denn das Internetz wußte von 80$ pro Person ohne Quittung zu berichten. 

24. Mai 2023, Anse d'Hainault (Haiti)
Bis zur südwestlichsten Spitze von Haiti sind es über 100nm, also fahren wir wieder über
Nacht. Das klappt ganz gut, der Wind ist leicht, allerdings haben wir die ersten 12h eine
Gegenströmung von über 1,5kn. Deswegen kommen wir erst gegen Mittag an, was aber ganz
gut ist, denn sobald die Wassertiefen geringer als 40m werden, sind die Eingeborenen damit
beschäftigt, flächendeckend ihre Reusen und Leinen auszulegen. Die werden, wenn man
Glück hat, von einem alten Kanister an der Oberfläche gehalten, wenn man Pech hat, von
einer kleinen Colaflasche. Ganz schwer zu sehen.
Hier ist die Armut heftig. Die Boote tragen Segel aus Mülltüten, Flicken oder auch
ehemaligen Werbebannern. Wir werden sofort umringt von Kindern und Jugendlichen in
Einbäumen und allen Fischern, die etwas anzubieten haben. Als wir den Wunsch nach Obst
und Gemüse äußern, startet sofort ein gnadenloses Paddelbootrennen an Land, um uns
welches zu besorgen. Für insgesamt fünf Dollar kaufen wir Mangos (absolut lecker),
Minilimetten, Bananen, Christophinen, Kokosnüsse und Conchs.
Alle Fischer und Kinder sind männlich und schlank, Frauen oder Mädchen bekommen wir
nicht zu Gesicht. Nach einer Weile läßt sich ein kleiner Dicker herbeirudern und kommt an
Bord, er wäre hier die "Authorite' Maritime" und müsse unsere Papiere kontrollieren. Dazu
hat er alles dabei, was seinen Status als Respektsperson verdeutlichen könnte: ein Handy,
einen Stift, ein Schulheft mit Linien und ein Schlüsselband mit einer Ausweiskarte. Er
fotografiert unser Boot und meinen Vereinsausweis und überlegt, was er in das Heft schreiben
könnte. Er entscheidet sich für meinen Namen. Dann kommt er zum eigentlichen Grund
seines werten Besuches: wir sollten doch eine kleine Gebühr entrichten, er denke so an
einhundert Dollar. Sein Englisch reicht natürlich nicht, um die Frage nach einem "receipt" zu
verstehen und eine "fatture" hat er ebensowenig. Mein Englisch ist auch schlecht und ich
verstehe nur die "ein" vor dem Dollar und nicht mehr die "hundert". Den gebe ich ihm, und er verläßt zu meinem Erstaunen freundlich grüßend das Schiff. Nach 10min ist er aber wieder
da, er hätte da wohl einen "mistake" gemacht oder ich hätte ihn nicht verstanden, das wäre ja
nur ein Dollar, den reicht er mir zurück. Als er "einhundert" dann nochmal sehr deutlich
ausspricht, schreie ich:
"WHAAAT? No, no, no!"
und gucke ganz böse. Er zuckt zusammen und faselt was von "fünfzig", ich gucke ganz, ganz
böse und sage sehr leise:
"I will give you ten. No one more."
"Okay, ten. Thank you, good bye!"
Gerold ist ganz erstaunt über meine plötzliche Verhandlungshärte und auch sehr zufrieden mit
dem Ergebnis.
An Land trauen wir uns nicht, das Dinghy wollen wir nicht auspacken und in einen Kippel-
Einbaum nicht einsteigen. Ich denke, daß die Siedlung aus der Entfernung besser aussieht und besser
riecht als aus der Nähe.

27. Mai 2023, Ile a Vache (Haiti)

 

Wie macht man aus sechzig Meilen neunzig? Indem man sie bei Gegenwind aufkreuzt. Das dauert bis kurz nach vierundzwanzig Uhr, ist aber bei 4Bft. machbar. Vor allem ist die Ankerbucht an der Westseite der Ile a Vache straight forward und damit auch nachts anzulaufen: ranfahren, bis das Lot 4m anzeigt, Anker nunner, fertig. Keine Hindernisse.

Am nächsten Morgen ist man immer ganz neugierig, wie es am Ankerplatz denn aussieht. Traumhaft! Karibik pur, Strand, Palmen, Hügel. Ein verlassenes Ferienresort, das sich wunderbar in die Landschaft einpaßt, aber laut Eingeborenem seit COVID pleite und seit einem Erdbeben im vorigen Jahr komplett aufgegeben ist. Die Bungalows stehen offen, die Bilder hängen an den Wänden, die Betten sind noch bezogen. Die Mangobäume im Hotelpark tragen gerade Früchte, klein und orange und die besten je gegesssenen. Allein das Aroma beim Öffnen ist umwerfend. Kokosnüssse gibt es auch, am Ufer liegt nur ein volkseigener Einbaum, also kann auch nur ein Neger nach dem anderen kommen, das ist für alle entspannter. Man spricht sogar englisch, wir ordern Gemüse, Obst und ein fertiges karibisches Abendessen von Mama. Per Einbaum werden tatsächlich noch vor sieben Uhr vier kleine hart gebratene Fische mit Bohnenreis, scharfer Sauce und Tomatenscheiben samt Tellern, Blechbesteck und Serviette liebevoll angeliefert. Sehr gut.

Der Nachteil an der West-Bucht ist der Schwell, also fahren wir 2nm um die NW-Ecke, an Port Morgan vorbei in die nächste Bucht, laut Karte ist sie sehr flach. Denkste, wo 0,5m Tiefe eingezeichnet sind, zeigt das Lot 5m an. Ringsum Mangroven, Bäume, tropisches Grün und Rot, Reiher, Fischer mit Langusten und Hügel mit vereinzelten Häusern erfreuen das Auge. Exotische Vögel, Esel, Schafe und Hühner sorgen für die dezente Beschallung. Die Ile a Vache ist wunderschön, aber sie liegt halt im falschen Land.

Da es den ganzen Tag regnet, nutzen wir die Zeit für die Reinigung und den Tausch der Dieselfilter (schon wieder voller Wasser und Dreck). 

In Anse d'Hainault wollte ich einem der Einbaum-Kinder einen Dollar geben, damit er unseren Müll entsorgt. Er guckt mich mit großen, verwunderten Augen an und bedeutet mir, den doch über Bord zu werfen. Das mache ich nicht, spare aber einen Dollar. In der West-Bay fragt mich einer der Gemüselieferanten, ob er unseren Müll entsorgen soll. Ich bin skeptisch, aber da wir schon zwei Tüten voll haben und die nächste Woche auf See sein werden, gebe ich ihm die vollen mit. Als wir mit unserem Dinghy zum Strand gerudert sind, wer begegnet mir da wohl als erstes? Genau, der Inhalt unserer Mülltüten.

29. Mai 2023 (Pfingstmontag), Mar Caraibe, 320nm vor Cartagena

                                                     

Gestern früh sind wir gestartet, um die 480nm nach Cartagena in Angriff zu nehmen. Der Wetterbericht verspricht Ostwind Stärke 4 für die gesamte Strecke bis 50nm vorm Ziel (dann Flaute von vorn), bisher trifft das auch zu. Entspanntes Segeln, nach 4h verirrt sich ein Blauflossenthun an unseren Haken. 3kg frisches Fleisch, damit haben wir gar nicht gerechnet, denn die Sargasso-Teppiche sind gewaltig und Köder, Propeller und Windsteuerruder ständig blockiert.

31. Mai 2023, Mar Caraibe, 50nm vor Cartagena 

 

Sargasso weg, Wind weg, Thunfisch weg. Der erste von letzterem ist in unseren Mägen und in Einmachgläsern verschwunden, der zweite (wenn es einer war) mit unserem Köder samt Vorfach in der Tiefe. Dadurch hat mal ein neuer Köder die Chance auf Beute bekommen. 

Die Fahrt verläuft sehr angenehm, das Meer ist friedlich, der Wind (war) gut, die Logge zeigt meist 7,5kn. Das GPS dagegen zeigt nur enttäuschende 5kn Fahrt über Grund, das Karibische Meer kommt uns tatsächlich mit 2,5kn entgegen! Ich sehe es auch am AIS, die Frachter, die unseren Weg Richtung Panama queren, steuern 6° südlicher als sie über Grund fahren, also erzählen mir meine Systeme schon die Wahrheit. 2,5kn Gegenstrom über 24h macht 60nm weniger Strecke pro Tag, wir werden doch vier statt drei Tagen brauchen. Und wieder mal mitten in der Nacht im Hafen von Cartagena ankommen, aber ich habe Detailkarten, der Hafen soll riesig und gut befeuert sein und man kann vor der Marina ankern. 

Die Versorgungslage ist noch sehr gut, wir haben Sour Sops, Kokosnüsse, Mangos und Bananen in reichlichen Mengen. Der Diesel reicht auch noch für 50nm, Gerold meint, der Liter würde in Kolumbien nur 50 Cent kosten. 

03. Juni 2023, Cartagena (Kolumbien) 

 

Es ist schön (und) heiß in Cartagena. Der Hafen ist schick und sauber, die Leute sind nett und hilfsbereit. Die Tagestemperaturen liegen allerdings über 30°, im Boot ist die kurze Hose - das einzige Kleidungsstück - bereits nach 5min so naß, als hätte man gerade gebadet. 

Wir besorgen uns kolumbianische Pesos und quälen uns bei jedem Einkauf mit einem Wechselkurs von 1 : 4.400 herum. Wenn mein Haarschnitt also 30.000 Pesos kostet, dann sind das ca. 7€. Der Einkauf im Supermarkt (Bier ist alle!!) kostet 1 Mio. 

Gleich über die Brücke liegt das Künstlerviertel Getsemani mit Galerien, Kneipen, Restaurants und gemütlichen Häusern, hinter der Stadtmauer kommt die eigentliche Altstadt mit schicken Holzbalkonen, Kathedrale und viel Flair. Natürlich habe ich auch die bayrische Kneipe mit Paulaner vom Faß zeitnah entdeckt. 

Am Ufer ist die moderne Stadt mit riesigen Wolkenkratzern aus Beton, Glas und Stahl von See kommend nicht zu verfehlen. Der Unterschied zu Haiti könnte nicht drastischer sein. Touristen, Lebensfreude, westlicher Überfluß: auch mal wieder schön. Diesel kostet tatsächlich nur 50 Cent! 

05. Juni 2023, Isla Grande (Kolumbien)

 

Nach drei Tagen Cartagena mit 3x täglich klimatisiert duschen, Stadtspaziergängen und gutem Essen (ich nehme immer Pulpo) fahren wir unter einer Gewitterfront mit 7er Wind zur Isla Grande, dem Naherholungsgebiet der Cartagenser. Man ankert vor dem Strand und den Beachbars, am Wochenende muß es hier fürchterlich sein, in der Woche ist es schön. Das Wasser ist 28°C warm, die Luft noch etwas wärmer. Das Leben wird hart. Die Bettwäsche ist morgens komplett naß geschwitzt. Obwohl sie vor drei Tagen frisch gewaschen wurde, riecht sie morgens nach Essig. Man muß sie wohl mindestens alle zwei Tage per Hand waschen und im Wind trocknen. Das Leben wird härter.

07. Juni 2023, Isla Tintipan (Kolumbien)

 

Mit wenig Wind und ganz langsam fahren wir weiter in südwestlicher Richtung zum Archipel von San Bernardo und ankern vor Tintipan. Wir versuchen es zumindest, denn der Anker hält nicht. Als ich ihn hoch hole, hängt da ein Korallenstock von anderthalb Metern Durchmesser und einem Gewicht von 100kg dran. Oh Schreck! Gerold befestigt eine Trippleine am Anker, an der wir den Anker aufholen, dadurch rutscht er aus der Koralle. Der Boatboy, der kurz darauf erscheint, meint, wir könnten uns kostenlos an einer gelben Mooringboje anbinden, was wir sofort machen. Das Dinghy bringt uns zum nächsten Hostel samt Restaurant am Strand, das von jungen Franzosen betrieben wird. Es gibt Wein zu den Fischbouletten!

Heute machen wir eine Tour mit dem Boatboy zu der dicht besiedelten kleinen Insel "El Islote", da sprechen die Bilder für sich. Außerhalb von Cartagena scheint die klassische Karibik zu herrschen, wie in Dominica oder Haiti halt auch. Hier leben 800 Menschen auf engstem Raum, das muß man mögen.

09. Juni 2023, Isla Fuerte (Kolumbien)

 

Mit der Isla Fuerte haben wir - mittels Leichtwind und etwas Diesel - unsere letzte kolumbianische Destination erreicht, von hier aus wollen wir heute über Nacht nach Obaldia in Panama. Die Gewässer vor der Küste sind voll mit Treibholz und Müll, ein großer Stamm trifft uns frontal, es rumpelt gewaltig unterm Boot. Nach dem Schreck stehen wir beide mit Argusaugen an Deck und steuern per Hand, um den vielen weiteren Bäumen auszuweichen. Beim Abtauchen am Ankerplatz können wir Gott sei Dank keine Schäden finden.

Die Bucht ist gemütlich, es gibt ein nettes Hotel, auch mit deutschen Gästen, in dem wir sehr gut und sehr günstig essen. Heute noch ein "Einkaufsbummel", dabei erstehen wir die einzigen vier Flaschen Saft des Ortes und bekommen ganz viele Mangos geschenkt. Dei Insel ist grün und fruchtbar, vor allem Esel werden angebaut.

Ein weiteres deutsches Boot liegt neben uns und will auch nach Obaldia, da können wir die Nachtfahrt im gestreckten Konvoi bestreiten. 3-4 Bft. erst von vorn und dann von Süden sind angesetzt, mein Routenplaner sagt, ich soll 15:22 Uhr nach Süden starten, 19:14 Uhr eine Wende fahren und 07:11 Uhr ankommen. Was der alles weiß...

12. Juni 2023, Suledup, San Blas (Panama) 

 

Oh, wie schön ist Panama! Nach einer grauslichen Nachtfahrt, die viel Wind, keinen Wind, drehenden Wind und damit reichlich Motorstunden und kaum Schlaf bietet, kommen wir in der Grenzstadt Obaldia an und rudern sofort zur Immigration, zum Capitan de Puerto und zur Policia. Zwei Stunden Zeit und 220 $ kostet es. Dafür sehe ich seit DDR-Zeiten wieder jemanden, der 7! Durchschläge stempelt. 

Wir kaufen lokale SIM-Karten, stellen aber fest, daß man damit keinen Hotspot für Tablet und Laptop herstellen kann. Doof, dann kann ich die Webseite nur bei Zugang zu einem WLAN bedienen, also eher selten. Denn jetzt geht es ins Indianergebiet, und die hier lebenden Kunas sind eher für ihre traditionelle Kultur bekannt. Ihr autonomer Lebensraum sind die San Blas-Inseln oder das Kuna Yala, der Küstenstreifen und die davor liegenden, wunderschönen, palmenbestandenen Inselchen. Das Wetter ist gut, leichter Wind (von vorn) und leichte Bewölkung, so daß es nicht weit über die 30°-Marke gehen sollte. Wir sind gespannt! 

Was hier nicht funktioniert, sind die elektronischen Seekarten. Wie man sieht, stimmt hier nichts. Wir navigieren nach gezeichneten Karten im Handbuch und nach der Wasserfarbenmethode per Auge (aufgepeppt durch polarisierende Sonnenbrillen). 

Leider habe ich mein Handy versenkt, es muß mir aus der Tasche gefallen sein. Schlimm. Aber ich habe Ersatz an Bord und rudere halt noch mal zur freundlichen SIM-Karten-Verkäuferin. 

14. Juni 2023, Mammidup, San Blas (Panama)

 

Nach einer einsamen Ankernacht im Mangrovendschungel drängt es Gerold in die "Zivilisation" und in eine Beach-Bar, also ankern wir vor Ustupu, der größten Kuna-Siedlung mit - je nach Quelle - 5.000 bis 8.000 Einwohnern. Die Stadt liegt auf einer Landzunge, damit die WC's direkten Wasserzugang haben. Es handelt sich um Bretterverschläge, die knapp über das Ufer hinaus gebaut werden, dadurch ist die Wasserspülung garantiert. Wir verzichten auf ein Bad.

Die Gassen sind eng, die Häuser z. T. aus dünnen Stämmen, z. T. schon aus Brettern oder sogar gemauert. Die kleinen Leute sind freundlich bis desinteressiert, wir kaufen Kartoffeln, (sehr gute!) Brötchen und selbstgemachte Mangomarmelade, die - über offenem Feuer gekocht - ein leichtes Raucharoma verströmt (Spitze!). Das Restaurant(!) bietet als einzige Speise Hühnchen mit frittierten Bananen an (nicht schlecht). Kein Fisch, kein Lobster. Auch die vorbeipaddelnden Indianer haben nur Mangos, Ananas und Kokosnüsse im Angebot.

Wir machen per Dinghy einen Ausflug in den nahegelegenen Fluß, der vom Festland herunterkommt und an dem die Gärten der Kunas liegen, also Bananenstauden, Kokospalmen und Mangobäume. Und ihre Müllkippen. Hinter denen, weiter drin, ist es aber sehr romantisch.

Mammidup, nur fünf Meilen weiter, ist dörflich, hat aber einen weitgereisten Einwohner, der sehr gut englisch spricht und eine Kokospresse besitzt. Damit produziert die Dorfgemeinschaft feinstes Kokosöl, von dem wir natürlich mehrere überteuerte Fläschchen erstehen müssen, angesichts ihres Stolzes und ihrer Begeisterung. Die Kinder sind auch begeistert, weil wir Kamelle verteilen und weil wir so groß sind. Beim Bootsbauer kaufen wir nichts, beim Bäcker aber frische Brötchen.

15. Juni 2023, Snug Harbour, San Blas (Panama)

 

Alles, was mir bisher passiert ist, ist Kinderkram. Alles, was bisher kaputtgegangen ist, ist irrelevant.

Heute Nacht um vier am Ankerplatz trifft uns eine Böenwalze, mit 40kn Wind aus der entgegengesetzten Richtung, also auflandig. Das Schiff krängt heftig und treibt ab, 35m Kette sind bei 7m Wassertiefe draußen, es hat also 70m Weg, um Fahrt aufzunehmen. Wahrscheinlich dreht sich nach den 70m durch den heftigen Ruck in die andere Richtung der Anker heraus, denn plötzlich krängt das Schiff wieder, normalerweise richtet es sich ja mit dem Bug zum Anker und bleibt aufrecht. Das kann es aber nicht, wenn es mit dem Kiel und dem Ruder querkant vor der Riffkante hängt. Die ruckenden Bewegungen, die knirschenden Geräusche unter Deck und das sich unnatürlich bewegende Ruder lassen keinen Zweifel zu: wir liegen am Riff. Der Wind heult, der Regen kommt waagerecht, die Blitze kommen senkrecht, der Donner kommt näher, ich fühle mich nicht ganz wohl. Und wir können nichts machen, von der Riffkante wegfahren geht wegen des seitlichen Winddrucks nicht, wir würden daran entlang schaben. Auf der anderen Seite des Ankerplatzes wartet das nächste Riff, das Schiff im Dunkeln und bei dem Wetter an der richtigen Stelle zu halten, ist wegen der ungenauen elektronischen Karten unmöglich. Wir müssen abwarten, bis der Wind nachläßt, was er nach einer Stunde auch tut. Wir holen die Ankerkette und geben Vollgas, der Anker hält wieder und wir können das Schiff vom Riff ziehen. Es ist fünf Uhr und definitiv Zeit für 2 frische Gin Tonic und eine Moods.

Um acht Uhr im Regen findet der erste Tauchgang statt: Ruder und Kiel sind an steuerbord auf dem untersten halben Meter blitzblank und weiß, kein Coppercoat mehr da, das Ruder hat auch kein Gelcoat mehr. Aber es ist noch in einem Stück und läßt sich normal bewegen.

Die Kielsohle ist auch nicht beschädigt, das Schiff hing also tatsächlich seitlich an der Riffkante.

Fehleranalyse: zu wenig Sicherheitsabstand zum Riff. Ankerplätze, auch wenn sie im Revierführer eingezeichnet und schön beschrieben sind, müssen mindestens RINGSUM 100m Abstand bis zum nächsten Flach bieten. Vor Mammidup sind es keine 50m im Radius und ich war noch etwas näher an der Uferseite. 

Der Schaden ist - bis jetzt, muß noch die Ruderlager kontrollieren - nur oberflächlich und reparabel. Die Werft in der Shelter Bay wird sich freuen.

Heute dann noch ein Biß, die Angel biegt sich komplett durch und die Schnur rauscht aus, nach fünf Sekunden ist der Spuk vorbei, von unserem Doppelköder ist noch die Hälfte des vorderen Gummifisches da, die hintere samt zweitem Köder mit Haken ist weg.

20. Juni 2023, Eastern Lemon Cayes, San Blas (Panama)

 

Jetzt sind wir in den eigentlichen San Blas Inseln, wir liegen in den Eastern Holandes Cayes und in den Eastern Lemon Cayes. Die Inseln sind übersichtlich, auf einer ist eine Bar, auf einer anderen ein Restaurant, auf einer dritten Platz für eine achtköpfige Familie. Ab hier gibt es auch wieder Nachbarn auf den Ankerplätzen, viele davon sind Charterboote. Die Inseln werden für die Touristen gefegt und vom Müll befreit, das wiederum darf man mit einem kleinen "Eintrittsgeld" vergüten. Das Wasser ist warm, der Wind leicht bis mäßig. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei fast 100%. Die Folgen davon entdecke ich heute beim Großreinemachen (Gerold fliegt morgen zurück, also vorher noch klar Schiff): Schimmel. Nicht nur die Klamotten, auch meine lange nicht benutzten Pfeifen sind bewachsen, die Pfeifentasche muß ich entsorgen. Einige Bücher sind von unten her verschimmelt und können auch nur noch weggeworfen werden. Selbst die - nicht mehr benötigte - Sonnencremetube ist schwarz von außen.

Wir essen einen spektakulären Barrakuda in Knoblauchsauce mit Gemüse aus dem eigenen Garten im Beach-Restaurant bei einem ausgebildeten, wieder weitgereisten und deshalb englisch sprechenden, eingeborenen Koch. Am nächsten Morgen hat er Kokosbrötchen gebacken, herrlich.

Von den regelmäßig vorbeifahrenden Fischern und Händlern kaufen wir Conchs, Langusten und Molas, letzteres sind die traditionellen, aufwändig genähten Brusttücher der Indianerinnen. Ich bin zwar noch kein Profi im Handeln, aber auf dem besten Weg dahin, also ein Möchtegern-Amateur. Meistens schaffe ich es bis auf 50% des angesagten Preises. 

22. Juni 2023, Nombre de Dios (Panama)

 

Seit gestern bin ich wieder solo, Gerold ist pünktlich vom Wassertaxi abgeholt und dann zum Flughafen in Panama City gebracht worden. Ich fahre ein paar Meilen bis Porvenir, vorbei an den Lemon Cayes und Chichime Cayes, die alle touristisch erschlossen und mit Bungalows, Bars und Restaurants versehen sind. Sie sind halt zu schön, um nur schön zu sein.

Der Ankerplatz vor der Flughafeninsel wird wegen zu großer Riffnähe von mir verschmäht, lieber fahre ich tief in die Lagune und ankere auf 10m. Die Dorfinseln liegen weit genug weg, um von hier ganz idyllisch auszusehen, die Dörfler kommen nur vereinzelt mit Mangos (ja), Molas (nein) und riesigen Krabben (auch nein, habe keinen Topf in der Größe) vorbei. Nestor, der hiesige Yachtbeauftragte mit rudimentären Englischkenntnissen, schafft es, mir eine Kuna Yala Flagge anzudrehen und verspricht, zum Dinner mit von seiner Frau zubereitetem Pulpo, Reis und Salat wiederzukommen. Seine Frau hat aber wohl andere Pläne, zum Glück habe ich heute früh noch ein Baguette vom Versorgungsboot in den Eastern Lemon Cayes gekauft.

Heute regnet es, der Wind zum Segeln tut sich schwer und macht es mir schwer: von Flaute über raum bis Schmetterling und zum Schluß noch eine Kreuz, aber ich komme etwas weiter an der panamesischen Nordküste gen Westen Richtung Shelter Bay. Und da kann ich mir das Zitat aus "Blues Brothers" nicht verkneifen: "Wir sind unterwegs im Namen des Herrn!" Nombre de Dios war im 16. Jahrhundert der wichtigste Verladehafen für die Gold- und Silberflotten der Spanier, ein gewisser Francis Drake hat ihre Karriere aber beendet. Seit der Zeit scheint sie eher von Gott verlassen, der Anblick von Bord reizt mich nicht zu einem Dinghybesuch.

27. Juni 2023, Shelter Bay Marina, Colon (Panama)


Dauerregen für vier Tage. In selbigem schleiche ich nach Linton Bay, das ist aber so voll und trostlos, daß ich weiter fahre nach Portobelo, dem Nachfolger von Nombre de Dios als Verladehafen. Das sieht man auch noch, der Castelos sind an beiden Ufern der Bucht reichlich. Ich esse ein traditionelles Gericht mit dem schönen Namen "ropa vieja", also "alte Kleider". Es ist so etwas wie pulled beef in Sauce mit frittiertem Maniok.

Dann ab in die Hafeneinfahrt von Colon, davor ankern die dicken Dinger, dahinter geht es in den Kanal. Wieder so ein Gefühl des Ankommens und des Abschlusses einer Etappe.

Die Shelter Bay Marina ist ganz nett, es gibt einen noch nicht ganz vergammelten Pool und noch nicht ganz gammelige Duschen, einen teuren Minimarkt und ein teures Restaurant, das aber immerhin eine große Portion Ceviche für bereits 10$ anbietet. Die Wasserqualität muß gut sein, es findet ein Triathlon im Hafen statt. 

Der Wäscherei beschere ich am ersten Tag einen Umsatzzuwachs von 50$. Es muß alles gewaschen werden, denn alles schimmelt. Hauptopfer ist der in meiner ewig nicht mehr benutzten Ausgehhose steckende Ledergürtel. Kein Wunder bei einer Luftfeuchtigkeit von 100%, Dauerregen, 30°C und kaum Wind. Sehr erstaunlich finde ich die farbliche Ausprägung des Schimmels: auf schwarzem Material wächst heller, auf hellem Material schwarzer, auf braunem Leder grüner.

Meine Frage nach dem Kranen und Reparieren des Schiffes wird positiv beschieden, soll es heute noch sein oder reicht es morgen? Häh? Nix zu tun? Meine Rückfrage nach einem Kostenvoranschlag nimmt aber mächtig Druck aus dem Kessel, seit gestern hat sich keiner wieder gemeldet, heute Nachmittag bin ich selber hin: ja, ja, in einer halben Stunde kommt der für mich zuständige Vorarbeiter vorbei und klärt alles. Jesus heißt er, das macht Hoffnung. Langeweile habe ich ja nicht gerade, das Boot muß von vorne bis hinten auf Vordermann gebracht, entkeimt und tiefengereinigt werden. Beide Motoren, der Wassermacher, die Batterien, die Gasflaschen und die gesamte Technik müssen gewartet, entsalzen, entrostet und gefettet werden.

2. Juli 2023, Shelter Bay Marina, Colón (Panama)


Ich habe noch keinen Termin für den Motorenservice, aber einen für's Kranen. Der Termin für den nicht funktionierenden Kompaß des Autopiloten hat stattgefunden, jedoch besteht das Problem weiter. Zumindest glaube ich aber jetzt, die Ursache zu kennen und beheben zu können. Ansonsten bastele ich mich so langsam durch das Boot, von der Reinigung und Markierung der Ankerkette bis zur Entrostung und Neulackierung der Gasflasche.

Zweimal war ich bisher mit dem marinaeigenen Shuttle in Colón im Super- und im Baumarkt, dazu fährt man immer über die große Atlantikbrücke und den Panama-Kanal und darf schon mal auf die ersten Schleusen blicken. Aber vielleicht muß ich doch noch über ein Jahr auf die Durchfahrt warten, denn die NOAA hat jetzt ihre El Niño-Warnung für 2023/24 bestätigt und verstärkt. Die NOAA ist die US-amerikanische "National Oceanic and Atmospheric Administration", also ein Institut, das für Hurrikans und andere schlimme Wetterphänomene zuständig ist. El Niño ist so ein Wetterphänomen, dessen Auswirkungen um die Weihnachtszeit am stärksten sind (el niño = das Kind/Christkind) und das durch fehlenden Passatwind und verstärkte Taifuntätigkeit im Pazifik gekennzeichnet ist. Ziemlich doof. Alternativ könnte ich halt noch ein Jahr in der Karibik rumhängen und mir Belize und Kuba angucken. Nächste Woche fliege ich erstmal nach Berlin in den Urlaub, da regnet es weniger als hier.

8. Juli 2023, Shelter Bay Marina, Colón (Panama)

Gestern früh pünktlich um acht wird das Schiff sehr professionell aus dem Wasser gekrant und auf einen Stellplatz im Boatyard befördert. Damit ich weiter auf meinem Boot wohnen darf, muß ich hier pro Tag 15$ bezahlen, neben den Stellplatzkosten. Wofür? Nun gut, man gibt mir eine Leiter. 

Die Ausbesserungsarbeiten an Kiel und Ruder werden sofort begonnen, das Ruder wird herausgezogen, um das Ruderlager zu tauschen, eine Rückrufaktion der Werft. Da hat wohl einer meiner Moody DS41-Eignerkollegen auch mal ein Problem gefunden. Das Paket mit dem neuen Ruderlager aus Greifswald ist allerdings noch nicht eingetroffen...

Die Reling wird abgebaut, um die komplett verrosteten EDELSTAHL-Muttern heraus- und diesmal echte einzuschweißen. Die Abdeckung der Fallen neben dem Mast wird abgeschraubt, um sie zu kürzen, damit die Fallen nicht mehr daran reiben. Und um mal wieder aufzuräumen und die seit der Atlantiküberquerung dort (f)liegenden Fischmumien zu entsorgen.

Für die Langfahrt sehr wichtige Ausrüstungsgegenstände sind die Bord-Kissen, denn sie stellen ja den einzigen Schutz gegen den stets drohenden Dekubitus dar. Da meine komplett verschimmelt sind und es bei allen Bootsausrüstern keine maritimen Kissen  gibt, kaufe ich im Haushaltswarenladen die buntesten und kitschigsten, die ich finden kann. Den Innenbereich verschönere ich, indem ich eine Mola auf ein dezenteres Modell aufnähe. Da ist auch noch Platz für ein zweites Exemplar.

Morgen geht's, wie gesagt, für zwei Wochen auf Deutschlandreise. Das wird kein Urlaub, ich habe reichlich Termine und Aufgaben.

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22. Juli 2023, Berlin (BRD)

 

Letzter Tag des "Fronturlaubs", morgen früh um 06:00 (grrrr...) fliegt Air France über Paris nach Panama City. Das wird hart.

Aber ich habe alles geschafft und alle Besuche, Treffen und Einladungen absolviert. Dazu war ich auch in der Rhön und bei der Gelegenheit erstmalig in einem Dorf namens Wiesenfeld, das mir ein Schweizer Segelkollege in Colón als seinen Abstammungsort ans Herz gelegt hatte. Zwanzig Kilometer von meinem Heimatort entfernt, das letzte Kaff vor der ehemaligen deutschen Grenze im Sperrgebiet, abgelegener geht es nicht. Aber schön! Die Rhön als Brutstätte der internationalen Blauwasserszene...

In Berlin besuche ich erstmalig das Stadtschloß, das ist auch sehr schön. Der beste städtische Neubau in den letzten hundert Jahren.

Alle wichtigen Ersatzteile sind schon verpackt, ich darf 23kg Aufgabegepäck mitnehmen, die Wägung des Koffers ergibt 23,0kg. Der Rest muß ins Handgepäck.

27. Juli 2023, Shelter Bay Marina, Colón (Panama) 

 

Erstaunlicherweise ist das Schiff fertig und wird prompt zu Wasser gelassen! Wieder passiert alles in zügiger Ruhe und Professionalität. Auf meinem alten Liegeplatz geht die Arbeit aber unvermindert weiter. Ich bekämpfe mittels Wasser, Schrubber und allerlei Chemikalien die zum Teil schon tief ins Gelcoat eingedrungene Vogelkacke und spüle die unverdauten Teile wie Krabbenscheren und Kirsch(?)kerne einfach über Bord. 

Das vor sechs Wochen von HANSE versandte Paket mit den größeren Spare Parts ist immer noch nicht da und momentan auch nicht aufzufinden. Man vermutet es in Miami, aber bekommt keinen Nachweis. Toll. In weiser Voraussicht habe ich mir die wichtigsten Teile aus dem Paket (Ruderlager!) nochmal nach Berlin schicken lassen und selber mitgenommen, sonst würde das Boot noch nicht schwimmen. 

Der Klimawechsel macht mir zu schaffen, am ersten Tag muß ich zwischendurch viermal in den Pool, um nicht zu überhitzen. Heute ist es zum Glück etwas bewölkt und ich bin schon etwas akklimatisiert. Mein neu eingebautes Multi-Meßinstrument zeigt eine Wassertemperatur im Hafen von 30°C an. Vielleicht muß es sich auch noch eingewöhnen? Es könnte aber auch stimmen...

Ich habe mir vorgenommen, immer um 05:00 Uhr Ortszeit (pm) das Schwimmbad und danach die Hafenbar zu besuchen, schließlich habe ich jetzt wieder vier Wochen Zeit, um alle Arbeiten zu verrichten, da muß ich nicht zu sehr hetzen. 

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31. Juli 2023, Shelter Bay Marina, Colón (Panama)

 

Entspanntes Marinaleben, Reparaturen, Verbesserungen, Schimmelbekämpfung. Selbst der Cockpittisch ist schwarz. Ich habe aber 100g Clotrimazol und eine Sprayflasche mitgebracht und hier einen Liter Propylalkohol gekauft, jetzt sprühe ich eine fünfprozentige Lösung überall hin, wenn das nicht hilft, weiß ich auch nicht weiter.

Die Ruderketten in der falsch konstruierten und damit seewasserumtosten Ruderkammer rosten schon. Die Bauteile für den Umbau sind natürlich in dem großen Paket und das ist immer noch in Miami. Also erstmal nur mehr Fett drauf. Die Stahlspirale in dem Schlauch des Wassermachers ist ähnlich braun, aber den Ersatzschlauch hatte ich im Aufgabegepäck, den kann ich tauschen.

Die deutschsprachige Gemeinde ist 4-5 Boote stark, so daß man auch Einladungen und Besuche hat. Jetzt habe ich mich außerdem für eine Testfahrt durch den Kanal gemeldet, auf der "MONDMOTTE", einer Hallberg-Rassy 34, deren Eigner zwischendurch zur Arbeit fliegen muß und die deshalb von allen im Hafen hängen gebliebenen, alten, schrulligen Einhandseglern gefahren wird. Da muß ich auch zusagen, was bleibt mir anderes übrig. Obwohl ich das Durchschnittsalter drastisch senke. Gut, der Hund von Skipper Steve ist vielleicht etwas jünger. Man braucht für jede Passage (dauert 2 halbe Tage und eine Nacht) den Skipper und vier Linehandler, unterwegs steigt noch der Adviser von der Kanalbehörde zu. Also tagsüber 6 Mann und ein Hund, in der Nacht 5 Mann und ein Hund. Auf 34 Fuß! Dienstag geht's los, spannend. Ich soll eine Tasse, ein Frühstücksbrettchen, ein Kopfkissen und meine Rettungsweste mitbringen. Ein Kasten Bier ist schon an Bord.

Morgens mache ich manchmal das Radio an, um ein wenig spanisch zu hören. Die panamesische Musik wird vom Akkordeon dominiert, dazu reicht man meist eine schmalzige Männerstimme (Typ Julio Iglesias). Die Rhythmik liegt zwischen Discofox und Polka. Dabei lerne ich hauptsächlich Vokabeln wie "mi amor", "coracón", "morena" und "dolor". Die Werbeblöcke dazwischen werden von klassisch ausgebildeteten, lautstarken Marktschreiern bestritten. Hier lerne ich "oferta", "enseguida", "servicio a domicilio", "irresistible" und natürlich viele Zahlen.

07. August 2023, Shelter Bay Marina, Colón (Panama) 

 

Probehalber war ich schon auf dem Pazifik! Am Samstag um 15:30 soll, um 17:00 tut es losgehen. Dazu hat der englische Eigner eine Motley Crew zusammengestellt: Steve, der alte Rigger aus Südafrika, John A, sein englischer Gehilfe, John B, der alte Engländer und Smutje (chicken curry), Rudolph, der französische Katsegler, der gerade seinen Mast verloren hat und halt ich als Quotendeutscher. Der sechste Mann an Bord ist der verspätete Adviser, wir fahren gemeinsam mit einer amerikanischen Yacht, an der wir uns verknoten müssen und die uns so in und durch die Schleusen zieht. Vor uns fährt ein eindeutig Schweizer Frachter unter bahamischer Flagge. 

Von den Schleusenwänden schmeißen die Schleuser mit hoher Treffsicherheit Affenfäuste mit dünnen Manilaleinen auf uns nieder, an die wir unsere schweren, 50m langen Festmacher anknoten, die sie nach oben ziehen und auf große Poller legen. Dann kommt Wasser ins Schleusenbecken, dementsprechend müssen die Festmacher immer wieder nachgeholt werden. Es ist aber nicht allzuviel Druck und damit auch keine Hektik da. Im Götakanal war mehr Whirlpool. 

Drei Schleusen mit je neun Metern bis zum Gatunsee, dort machen wir im Dunkeln längsseits(!) an einer großen runden Tonne fest, der Adviser wird abgeholt und schärft uns noch ein, daß wir wegen der Krokodile und einer drohenden Strafe von 5.000$ keinesfalls baden sollen. Beides schreckt nicht ausreichend. 

Da ich so groß bin, habe ich zum Glück die einzige fast ausreichende Koje bekommen, zwei Mann hängen ihre Hängematten an Deck auf. Der Engländer flieht nach dem ersten, der Franzose nach dem dritten Regenschauer unter Deck, schlafen kann dort keiner so richtig. 

Am Sonntag um 07:00 soll, um 09:30 tut der nächste Adviser kommen und wir fahren fünf Stunden über den See und den weiterführenden Kanal bis zu den drei Abstiegsschleusen. Dort regnet es Strippen, aber die Fahrt davor führt durch eine schöne tropische Landschaft. 

Im Balboa Yacht Club machen wir an einer Boje fest, gehen essen und fahren mit einem Taxi geschafft zurück zum Atlantik. 

Ein paar Anekdoten von dieser Trans-Ozean-Fahrt habe ich noch, die reiche ich nach, sobald ich sie ausreichend habe auf mich wirken lassen.

08. August 2023, Shelter Bay Marina, Colón (Panama) 

 

Anekdötchen zur Kanalpassage 

 

Sichtungen: 

  • Einige Hirsche (auch am Ufer)
  • Zwei Krokodile (im Wasser)
  • Viele Rabengeier (in der Luft, aber die gibt’s auch im Hafen). Der Engländer behauptet, die hießen Buzzards, aber ich glaube, die heißen Black Vultures oder Chulos, auf Spanisch)

Hörungen: 

  • Einige Brüllaffen (Irgendwo am Ufer, bis zu 5km weit weg kann man die Biester hören, schließlich sind es die lautesten Landtiere. Der Pistolenkrebs ist lauter, aber der schießt und brüllt nicht.)

 

Die Bordsprache ist - natürlich – englisch, selbst der Franzose versteht und spricht das besser als ich. Die Muttersprachler sind ständig am Witzeln, Frotzeln und Fluchen, vom Captain lerne ich, daß es nicht nur „fuck“ und „shit“ gibt, sondern vor allem „fucking shit“. Wenn ich angesprochen werde, dann meist mit „Oulaf“, nur wenn er es besonders lieb meint, mit „fucker“. Als ich einmal zackig mit „Aye, aye, Sir!“ antworte, ist er sehr erstaunt und fragt nach, warum ich nicht „Jawohl, mein Führer!“ sage. Ich versuche krampfhaft, das Thema zu wechseln. 

 

An der Tonne direkt neben uns im Gatunsee liegt das mitfahrende amerikanische Boot. Der Franzose sucht eine Möglichkeit zu pullern, ich erkläre ihm, daß er zwei habe: nach „windward“ oder nach „americanward“. Engländer und Südafrikaner brüllen sofort, laut und einstimmig: „americanward“! Die waren früher ja mal ziemlich konträr, aber die Amerikaner haben sie scheinbar wiedervereint. 

 

Der Franzose ist Vegetarier, also bringt er sein eigenes Essen mit. Ich äußere mich freundlich lobend über seinen Hummus, zu meinem Frühstück (gut, der Engländer hat’s gemacht: Spiegeleier und Speck auf Toast) äußert er mit bösem Blick, daß er krank würde, wenn er das essen müßte. Auch Fische zu fangen und zu verspeisen wäre schlecht, noch schlimmer als Fleisch, die wären voller Mikroplastik und fast ausgestorben. Er hätte unterwegs auf dem Atlantik keine gesehen, auch keine Vögel und keine Wale. Er fährt einen bis zu 20kn schnellen (jetzt nicht mehr, Mast ist weg) Katamaran, raucht wie ein Schlot und hält zwei riesige Rottweiler an Bord. Ich muß nochmal nachfragen, was genau die fressen. 

13. August 2023, Shelter Bay Marina, Colón (Panama) 

 

Da ich nicht nur verschiedene Lecks bemerkt, gesucht, gefunden und geschlossen habe (wieder die Frontscheibe, neu die Seitenscheibe, bestimmt schon länger die 220V-Landstromsteckdose), sondern auch meine Gehhilfe gereinigt und gefettet, sattle ich letztere für einen 10km-Sonntags-Ritt zum Rio Chagres. Sowohl Roß als auch Reiter sind mächtig eingerostet und müssen dringend an die Luft. Das Gelände erscheint mir alpin. Es geht durch dichten Regenwald, aber zumindest über eine neue Teerstraße zur Fuerte (=Fort oder Festung) San Lorenzo. Die bewacht seit Ende des 16. Jahrhunderts dort die Flußmündung, denn über den Fluß wurden auch - wie über den Landweg nach Portobelo - die an der Pazifikküste gewonnenen Gold- und Silbermassen von den Spaniern quer durch Panama zur Karibikküste befördert, um von dort nach Spanien verschifft zu werden. Die Festung war mehr oder weniger erfolgreich, nach den Besuchen von Francis Drake, Henry Morgan und Admiral Edward Vernon wurde sie halt immer wieder neu errichtet. 

Auf dem Rückweg höre ich (deutlich) und sehe ich (undeutlich) wieder Brüllaffen und treffe einen Nasenbären, der die gut ausgebaute Straße wohl auch zu schätzen weiß. 

22. August 2023, Shelter Bay Marina, Colón (Panama)

 

Häfen haben so etwas klebriges, sedativ-narkotisches, wahrscheinlich sogar letales – wenn man zu lange bleibt. Das Problem ist seit der Antike bekannt, als ein gewisser Odysseus mit seinen Männern an der Circe kleben blieb. Die Männer verwandelten sich in Schweine und begannen, wohlig in ihrem eigenen Dreck zu grunzen. Als Illustration mal das Bild von Rigger Steves‘ Boot. Der ist zwar von Südafrika hierher gesegelt, fährt aber definitiv nicht mehr weg. Sein Gehilfe John A hat sein Boot in Panama auf der Pazifikseite gekauft, den Kanal durchfahren und in der Shelter Bay Marina angelegt. Vor fünf Jahren. Sein Boot und er sehen aber wesentlich besser und jünger aus, da besteht – wie bei Odysseus – noch Hoffnung. 

Für mich auch, erstens gehe ich regelmäßig zweimal täglich schwimmen und zweitens werde ich übermorgen wegfahren. Mein vor sieben Wochen aus Greifswald in Miami eingetroffenes Ersatzteil-Paket ist zwar immer noch dort, aber da ich dafür kein antikes Beispiel kenne, unterbreche ich die Wartezeit einfach mit einem Ausflug auf die San Blas Inseln. Dort soll am Montag meine Frau in Begleitung der Segel-Elite Österreichs eintreffen, ich habe bereits eingekauft, geputzt und die Betten bezogen. Es wird wohl eher ein Anker- als ein Segelurlaub werden, aber ankern muß man auch können (!) und deshalb üben … 

Ich bin spät dran, der letzte Deutsche im Hafen. Alle anderen vier schwarz-rot-goldenen Boote sind zwar noch da, aber von ihren Crews verlassen. Zwei Paare sind nach Deutschland, eins nach Nord- und eins nach Südamerika in den Erlebnisurlaub. 

Zum Einkauf fahre ich ja immer mit dem Marina-Mini-Bus. Wie die meisten hier betreibt der Fahrer noch ein kleines Side-Business. Er ist sozusagen das Ebay der Shelter Bay. Seine Auslage wird ja von allen Seglern regelmäßig gesehen, und tatsächlich wechselt sie sehr regelmäßig.

Apropos Autos: die Nummernschilder hier finde ich sehr schön und sehr aussagekräftig! 

27. August 2023, Eastern Lemon Cayes, (Panama) 

 

In zwei Tagen von Colón nach San Blas! Segelnd! Und schee war's! Der WInd hat gepaßt und sogar der Strom, unglaublich. Zwischenstation in Playa Chiquita, d.h. ankern vor der freien Küste, und hier paßt auch der Schwell, ist nämlich keiner da. Irgendwann muß sich das ändern, und richtig, heute Nacht schon in Form eines andauernden und weitreichenden Gewitters, Gerold hätte seine helle(!) Freude gehabt. Ich schlafe dafür halt morgens etwas länger. Zum Glück haben sich die Windspitzen zurückgehalten, die Korallen ringsum bleiben von mir unbehelligt. 

Die Chichime Cayes sind ein sehr beliebter und touristisch überlaufener Ankerspot, unter 10m Ankertiefe ist nichts frei. Aber die bekannten Eastern Lemon Cayes sind ja auch nicht menschenleer, ich habe den ersten Mola-Kauf schon nach einer Stunde absolviert. Morgen soll das Wassertaxi, das Gerold damals hier abgeholt hat, in bewährter Manier meine neuen Gäste bringen. Der Wassermacher ist wieder aktiviert und auch das Dinghy mit dem selbst gewarteten Außenborder habe ich schon aufgeblasen, geschrubbt (Schimmel, was sonst) und probegefahren. Das Badewasser ist vorgeheizt.

01. September 2023, Coco Bandero Cayes, (Panama)

 

Im Revierführer steht bei Coco Bandero Cayes: "The anchorages (...) of Coco Bandero are of breathtaking beauty and have good protection." Kein Wunder, daß ich vor lauter Atemlosigkeit nicht zum Schreiben komme.

Meine Gäste sind pünktlich eingetroffen, jetzt arbeiten wir die sanblasnije Dostoprimetschatjelnosti systematisch ab. Die größte gesegelte Distanz bisher sind 14nm.

In den Lemon Cayes haben wir dem Fischer drei Lobster abgekauft und mit o'am Flascherl vom mitgebrachten Perchtoldsdorfer Sommercuve' als leichten Lunch genossen, danach waren alle Gäste komatös. Ob's an der Hitze liegt? 34°C oberhalb, 31°C unterhalb der Phasengrenze.

09. September 2023, Eastern Lemon Cayes (Panama)

 

Unsere wunderbare Rundreise durch die San Blas Inseln ist beendet, die österreichischen Freunde sind heute wieder abgereist. 

Wir haben uns auf abenteuerliche Weise zwischen engen und flachen Korallenriffen in geschützte Lagunen gewühlt, ein Schwerwettertraining mit Beidrehen und Ausbringen des Treibankers und schlafarme Nächte bei echten Gewittern und 8 Bft. absolviert.

Die angefahrenen Inselgruppen tragen so klangvolle Namen wir Lemon Cayes, Coco Bandero Cayes, Holandes Cayes oder Los Grullos. Wobei wir die nahe am Festland liegenden und das Festland selber ausgespart haben, denn je näher, desto mehr Müll und Dreck. Insbesondere, wenn größere Siedlungen in der Nähe sind. Die kleinen Inseln werden dagegen meist nur von einer Familie bewohnt, die für einen Monat dort Dienst tun muß: Kokosnüsse ernten, Unterholz schneiden, neue Hütten bauen etc. Auf manchen Inseln steht ein kleines Restaurant, das Angebot beschränkt sich auf Fisch, Languste, Pulpo oder Hühnchen mit Reis, Fritten oder Bananen, z.T. Gemüse oder Salat. Was braucht man mehr?

Das Wetter ist recht wechselhaft, anfangs ist es schön und sonnig, dann gibt es aber auch Gewitter mit Sturmböen und Starkregen, heute z. B. regnet es den ganzen Tag. Das Dinghy ist fast voll.

11. September 2023, Portobelo (Panama) 

 

Entlang der panamesischen Nordküste gen Westen, Richtung Shelter Bay. Leider zu 90% unter Motor wegen Flaute von achtern. 
Maman wählt die Isla Grande als Ankerplatz, eine sehr gute Entscheidung. Hier gibt es noch echte Karibik! Die typische, von den Eingeborenen bevorzugte knallbunte Architektur imponiert in verschiedenen Stadien des Verfalls. Vor ein paar Jahren kann das mal eine schicke Amüsiermeile gewesen sein. Wir rennen sie eine Stunde hoch (bis zum Leuchtturm) und runter (bis zur authentischen Kneipe mit Pulpo-Ragout und gefüllten Bananen), es herrscht ein gewisser Bewegungsdrang nach den kleinen San-Blas–Sandflecken, um die man nach Überwindung eines halben Höhenmeters in maximal 5min herumgeschlendert ist. 

 

14. September 2023, Shelter Bay Marina, Colón (Panama) 

 

Wir genießen wieder den vollen Schutz der Shelter Bay. Das im Juni in Greifswald abgeschickte Paket soll übrigens heute in Panama City eintreffen, danach muß es noch durch den panamesischen Zoll und nach Colón. 

Derweilen machen wir eine geführte Dschungel- und Bunkerwanderung. Die Amis haben den Kanal ja gegraben und bis 1999 besessen, betrieben und beschützt. Dazu haben sie im Laufe der fast 100 Jahre auch eine ordentliche Militärmaschinerie aufgebaut und unterhalten, von der heute nur noch die Bunker und die Reste der Wohnhäuser und Kasernen dem Urwald trotzen. Die Bunker sind allerdings von beachtlichen Ausmaßen. Sie werden hauptsächlich von Fledermäusen bewohnt. 

Der sich häutende Baum heißt im Volksmund „Tourist Tree“, weil die Touris das nach drei Tagen auch so machen. 

15. September 2023, Shelter Bay Marina, (Panama) 

 

Heute wieder Dschungelwanderung zu karibischem Badestrand, aber der bedeckte Himmel, die kühlen Temperaturen und der leichte Regen mindern die Badelust erheblich. 

Der Dschungel ist dicht besiedelt, wir begegnen mehreren Nasenbären, Agutis, Brüllaffen sowie zwei neuen Vertretern der Vogelwelt: Krabbenbussard und Maskentyrann. 

Als Gegenprogramm ist für morgen Urbanität angesetzt: wir wollen nach Panama City fahren und die Altstadt erkunden, Maman fliegt übermorgen nach Hause, ich fahre wieder mit dem Bus zurück nach Colón. 

18. September 2023, Shelter Bay Marina, Colón (Panama) 

 

Die Busfahrt von der Marina nach Panama City dauert 3h, dann noch ein Taxi in die Altstadt, die heißt hier Casco Viejo (Alter Helm) und ist ziemlich schick. Zum Teil etwas zu schick, man hat den morbiden Charme der Karibik übertüncht, die wenigen Baulücken helfen da auch nicht. Aber es ist ja auch gar nicht mehr Karibik, sondern Pazifik. 

Wir bekommen durch Zufall eine fast private Führung durch die historischen Räume des Außenministeriums, in denen Simón Bolivar seinerzeit wichtige Unabhängigkeitsdokumente unterzeichnet hat. 

Es gibt enge Gassen mit schönen Häusern mit schönen Balkonen mit schönen Geländern, riesige Jugend- und massive Kolonialstilvillen. Jeder Kanalbauingenieur hat seine eigene Büste und sein eigenes Denkmal, aber auch der Erfinder des Gelbfiebers und der korrespondierenden Mücke wurde bedacht. In den Parks und auf den breiten Treppen lassen sich die jungen Damen, die gerade noch vor dem Überschreiten der 70kg-Grenze stehen, in barocken Tüllkleidern von Profis ablichten, für’s Poesiealbum, für Instagram oder für die Bewerbungsmappe? 

Etwas außerhalb von Casco Viejo gibt es eine Gemüse-, eine Fleisch- und eine Fischmarkthalle, letztere umgeben von biergartenähnlichen Speiselokalen, die GEWALTIGE Portionen an Marisco-Spezialitäten anbieten, und zwar in marktschreierischer Manier, als Zugabe gibt es mindestens noch eine Portion Ceviche vorneweg. Da wir nach der langen Busfahrt Mittagshunger verspüren, lassen wir uns jeder eine Portion Guache bzw. Pulpo en Coco aufschwätzen und müssen abends dann das Dinner leider sausen lassen, obwohl wir halbvolle Teller zurückgegeben haben. Nur ein Glas Craft Beer im „Goldenen Frosch“ und ein Besuch der luftigen Roof-Top-Bar gehen noch. 

Die Skyline der modernen Panama City taugt gerade so als Background für einen schönen Vordergrund, näher ran muß man da nicht. 

20. September 2023, Shelter Bay Marina, Colón (Panama)

 

Das Ersatzteilpaket ist da! Von Ende Jun bis Ende September, drei Monate Reisezeit. Da war Kolumbus schneller, und der hatte weder eine Karte noch eine Ahnung oder gar einen Paketschein.

Es ist auch kein schlichtes Paket, sondern mehr ein speziell aus bestem Marinesperrholz angefertigter Sarkophag, der statt Tut Ench Amun vor allem den neuen Dieseltank aus Aluminium beherbergt. Alles ist innen nochmals mit angeschraubten Leisten und Distanzstücken fixiert, da ist nichts verrutscht oder beschädigt. Wahrlich ein Karton für die Ewigkeit, der hanseatische Verpackungskünstler hat wohl schon etwas geahnt. 

Die ausgehungerten Werftarbeiter stürzen sich am nächsten Tag gleich in die Arbeit, der alte Tank samt Restinhalt wird ausgebaut und auf den Steg gewuchtet. Da der neue eine etwas andere Form hat, ist der Einbau natürlich tricky. Ich muß mehrmals eingreifen, um die Kiste tatsächlich kippelfrei und fest fixieren zu lassen. Damit es voran geht, stelle ich auch das eine oder andere Werkzeug zur Verfügung, die Jungs kommen ja an wie die Friseure. Dabei wird meine 7er Nuß Opfer lokalen Ungeschicks, der Schwerkraft und einer tückischen kleinen Ritze im unteren Schiffsboden… Nach Feierabend investiere ich aber noch eine halbe Angelstunde mit meinem seinerzeit in Frankreich erworbenen flexiblen Greifarm mit extra starkem Neodym-Magneten vorne dran: Bingo!

24. September 2023, Shelter Bay Marina, Colón (Panama) 

 

Der neue Tank ist drin und gibt auch bereitwillig seinen Inhalt an den Motor ab. 

Die Abdichtung des Ruderraumes gestaltet sich schwieriger: die Bauteile aus dem Paket passen nicht. Das heißt, die in Greifswald extra angefertigten Abwasserkanäle müssen hier nochmal extra und vor allem passend angefertigt werden. Grrrr… 

Um die Regenzeit sinnvoll zu nutzen, erwerbe ich im „Novey“ eine laut Beipackzettel „tropentaugliche“ Abdeckplane und etwas Gurtband und bastle eine neue Vorschiffsabdeckung: größer und stabiler als die alte aus Helgoland und mit der Option, vorne Regenwasser aufzufangen. Paßt und funktioniert! 

28. September 2023, Shelter Bay Marina, Colón (Panama) 

 

Die Arbeiten am Ruderraum gehen – wenn auch langsam – voran. Es werden neue Kanäle laminiert, die das Wasser durch den Ruderraum führen, so daß er nun trocken bleibt. Dazu müssen noch sechs Schläuche, die ihren Inhalt ursprünglich auch dort entleert haben, weiter nach achtern verlängert werden. Die ganze Entwässerung des Cockpits, des Decks und des Dachs führte bisher in den Ruderraum, abgesehen vom Meer selber, das seinen Weg natürlich von achtern dort hinein gefunden und dann den Elektromotor des Autopiloten sowie die Rudergetriebe gebadet hat. Und sich halt zu einem nicht unbeträchtlichen Teil den weiteren Weg über den Drehspalt des Ruderlagers in den Motorraum gebahnt hat. Die neuen Boote dieser Serie werden neuerdings von vornherein mit dichtem Ruderraum gebaut. Aha! 

Das ehemalige Theater der amerikanischen Garnison dient jetzt als Segelmacherhalle, das ehemalige Theaterbistro davor wird von einer Indianerfamilie als Obst- und Saftladen genutzt. Die selbst gemachten Säfte sind Spitze, ich kaufe jeden Tag 1,5l (für 3$). 

Seit zwei Tagen scheint die Regenzeit vorbei zu sein oder Pause zu machen, kein Niederschlag und kaum Wolken. Die Temperatur im Pool ist bedenklich gestiegen, ich denke auf mind. 33°. Man merkt jedenfalls keinen Unterschied zwischen Wasser und Luft. 

03. Oktober 2023, Rio Chagres (Panama) 

 

Alle Reparaturen abgeschlossen, ich kann raus! Vorher muß ich im Marinabüro noch zahlen: man berechnet mir neben der Liegegebühr knapp 500$ für den Transport des Sarkophags von Miami hierher. Der wäre durch ihre Firma vorgenommen worden und deshalb kostenpflichtig. Toll! Da habe ich sicher noch Spaß mit der Werft deswegen… 

Am Sonntag lädt mich ein Franzose unter san-marinischer Flagge zu einer Spritztour auf seiner neu erworbenen Grand Soleil 37 ein, alleine traut er sich nicht recht. Nachdem ich ihm erklärt hatte, wie er seinen Dinghy-Außenborder wieder zum Laufen kriegt (Vergaser ausbauen und reinigen, wie immer), hat er Vertrauen zu mir gefaßt und hält mich für eine kompetente Begleitperson. Als das Schiff dann bei sonntäglichem Leichtwind auch noch gut segelt, ist er total begeistert, rennt die ganze Zeit mit dem Handy filmend an Deck rum und plappert französische Glückseligkeiten. 

Ich segele heute bei weniger Wind die 12nm in den Rio Chagres, vorbei am Fuerte San Lorenzo. Ankern im Fluß, links und rechts Urwald (mit entsprechender Beschallung), kein Mensch weit und breit. Paßt. 

Morgen will ich mal wieder eine Nachtfahrt üben bis in die Bahia Almirante, die wird allgemein empfohlen. Aber auf dem Weg dorthin ist kein sicherer Hafen, der Revierführer spricht von heftigen Squalls und der französische Katamaran-Kollege von der Kanalpassage hat bekanntlich auf dieser Strecke seinen Mast verloren. Also werde ich relativ weit raus fahren, nachts reffen und beidrehen und etappenweise schlafen. Neue Strategie, we will see. 

06. Oktober 2023, Isla Escudo de Veraguas (Panama) 

 

Es kam die Frage auf, ob „beidrehen und schlafen“ mit „beischlafen“ abgekürzt werden könne. Ich kann es nicht sagen, ich habe es nicht probiert. Zu wenig Wind in der Nacht, ich muß den Motor bemühen. Ich könnte auch ohne Wind „beidümpeln“, aber hier unten setzt der „Caribbean Countercurrent“ mit fast 2kn nach ONO. Ich wäre also morgens wieder vor der Einfahrt von Colón aufgewacht. 

Ansonsten habe ich neben Flaute auch mal Wind, der für 8,5kn Bootsgeschwindigkeit reicht, aber halt nicht lange. Der Gegenstrom ist dagegen konstant. Daher fällt die Entscheidung, die Strecke um 20nm abzukürzen und bei Tageslicht vor der Insel Escudo de Veraguas zu ankern, zumal ein mir bekanntes deutsches Boot, das schon dort liegt, die Gegend empfiehlt. 

Heute Nacht schlafe ich über 13h! 

Die Insel ist unbewohnt, nichtsdestotrotz dringt die Stimme von „Radio Maria“ bis hierher durch. Das ist ein Sender, der - nomen est omen - katholische Gebete sendet, und das in Dauerschleife, höchstens mal unterbrochen von Glockengeläut und ein wenig Haydn oder Händel. Die optimale Methode, um spanisch zu lernen, es gibt nichts besseres, als ständige Wiederholung. Beim Vaterunser oder Glaubensbekenntnis weiß ich ja schon, was auf deutsch rauskommen soll. Und das „Santa Maria, Madre de Dios, ruega por nosotros pecadores, ahora y en la hora de nuestra muerte, amen“ erschließt sich einem auch, der Text wird in Kriegsfilmen gerne von im Sperrfeuer liegenden Soldaten rezitiert. Im weiteren lernt man: „bendito“ heißt gesegnet, „vientre“ heißt Leib, „el principio“ ist der Anfang, „fin“ ist Ende usw. Das läuft wirklich stundenlang durch! 

Der komische Vogel hier gehört zu der nachtaktiven Spezies der gefürchteten „Karibischen Deckvollscheißer“. Ihm fehlt ein Fuß, wahrscheinlich beim Schwimmen von einem hungrigen Bonito abgebissen. Deshalb hat er Startschwierigkeiten und kommt nicht mehr über das Schanzkleid des Bootes. Erst morgens, als ich beim Kontrollgang vorbeikomme, erschreckt er sich so sehr, daß er heftig humpelnd trotzdem abhebt. 

Ich werde von Piraten heimgesucht, kann sie aber durch den Erwerb von zwei Langusten am Entern hindern. 

12. Oktober 2023, Isla Popa No. 2 (Panama) 

 

Von Escudo de Veraguas geht es in die Bluefield Lagune. Vor dem Dorf am Punta Allegre gibt es einen geräumigen und geschützten Ankerplatz. Es ist Wochenende, also haben alle Schulkinder Zeit, mit ihren Einbäumen vorbeizukommen und nach Süßigkeiten (habe ich zum Glück noch), Stiften (einen Kuli kann ich entbehren), Tauchausrüstung (nix) und Seilen (ein Stück Segelband gebe ich raus) zu fragen. Einige bieten wenigstens Bananen, Kokosnüsse und Brot an. Gegen Abend kommen die Halbwüchsigen und fragen nach Bier, es wäre doch schließlich Sonntag. Alle Einwohner sind Indios vom Stamme der Ngöbe, ca. 10cm größer als die Kunas. „Ngöbe“ klingt ausgesprochen wie das deutsche „Ingo, bäh!“, wenn man das „I“ und das Komma wegläßt. 

Die SANCARA und ich machen eine Urwaldwanderung. Den Weg ins Dorf auf der anderen Seite der Halbinsel finden wir zwar nicht, trotzdem ist es wildromantisch. Wieder zurück gibt’s nach 2h in der örtlichen Tienda eine eiskalte Cola und einen Blick in die integrierte Apotheke. 

Um zu einem nahe gelegenen Wasserfall zu kommen, nehmen wir dann doch das Führungs-Angebot eines Eingeborenen an, den hätten wir sonst nie gefunden. Die Hauptattraktion sind zwei natürliche Stein-Badewannen, gefüllt mit kühlem(!) Süßwasser. 

Zwischenstopp auf den Islas Zapatillas, vor denen man zwei mittelprächtige Riffe beschnorcheln kann. Ganz nett, aber ich war halt schon mal im Roten Meer und bin nun für den Rest der Welt versaut. 

Die Isla Popa (Heck-Insel) liegt in der Bahia Almirante und beherbergt zwei Dörfer, No. 1 und No. 2. Logisch, praktisch, gut. 

Wir ankern vor No. 2 im Mangrovendschungel und besuchen das Pueblo, das einen sehr verträumten und malerischen Eindruck macht. So ähnlich hügelig wie Beutelsend im Auenland, nur daß sie ihre Häuser nicht in die Erde, sondern auf Stelzen darüber bauen. 

Mein Wassermacher geht nicht mehr. Der Elektromotor der Vorförderpumpe hat den Geist aufgegeben. Kein Brummen, kein Zucken, kein Durchgang zu messen. Der Hersteller will mir eine neue Pumpe schicken, wieder 2kg mehr für das Aufgabegepäck meines nächsten Besuchers!

Und wenn wir einmal dabei sind: die Motorbilge ist wieder voller Wasser! Deshalb wurde extra die neue Rückwand für den Ruderraum eingebaut und die leckende Landstromsteckdose abgedichtet! Grrrr… Es ist Süßwasser, woher kann das kommen? Da hinten ist kein Tank, der Wassermacher ist stillgelegt, ich tippe auf Regenwasser. Und irgendwo ein weiteres Leck in einer Decksdurchführung. Muß beim nächsten Marinabesuch einen Freiwilligen mit Wasserschlauch nehmen und ihn schwere Regenfälle auf das Heck des Bootes simulieren lassen, während ich unten im „Sarg“ liege und nach Tropfen und Rinnsalen suche.

14. Oktober 2023, Bocas del Toro (Panama) 

 

Es gibt auch die Stadt Bocas del Toro, zwischen der und der Isla Carenera ankern wir auf 3m Tiefe. Beide Inseln sind touristische Hotspots, vor allem für die jüngere Generation. Das hört man am Freitagabend natürlich, und zwar von beiden Seiten. Ich glaube nicht, daß ich jemals so laut geankert habe. 

Die Stadt selber und die Bars und Restaurants am Ufer sind aber ganz gemütlich, es gibt einige chinesische Supermärkte mit mittelprächtigem Angebot und grauslicher Geruchsnote. Wir gehen abends in das von Karl empfohlene „Bibi’s“, da ist es urig, mit Seeblick und schmackhaft. 

Gestern war Freitag der 13., irgendetwas mußte passieren: das Ankerlicht hat seinen Geist aufgegeben. Früher hätte man die Birne gewechselt, jetzt muß das komplett vergossene Teil samt seinen langlebigen LED’s komplett ausgetauscht werden. Und vorher natürlich importiert. Toll.

16. Oktober 2023, Bahia Honda (Panama) 

 

Der Großraum der Bahia Almirante ist recht übersichtlich, man fährt 1-2h in die nächste Bucht. Gestern also in die Bahia Honda. Hier gibt es die Red Frog Marina und das Red Frog Resort, ziemlich wuchtig mit Infinity Pool am Strand, Restaurant und erstaunlich günstiger Beach Bar. Ich ankere vor der Marina in den Mangroven, da liegen schon einige rum, weil es sehr geschützt ist. Wenn man allerdings anfängt, mit Balken, Brettern und Planen einen Schuppen auf sein Boot zu bauen, dann sollte man aufhören. 

Vorgestern war hier Sonnenfinsternis! Ich erkenne es daran, daß ich meine Sonnenbrille abnehmen muß, weil es plötzlich so milchig dunkel wird und die Leute auf der Straße mittels dicker Schattengläser in den Himmel gucken. Man läßt mich freundlicherweise auch mal durchblinzeln, zu dem Zeitpunkt ist ungefähr die Hälfte der Scheibe weg. 

Ich habe Besuch von Mikroameisen. Das sind erstaunlich flinke, bleistiftpunktgroße, quasi dimensionslose Gesellen, die durch das Boot flitzen. Nicht allzu viele, hin und wieder erwische ich mal eine. Ob es ein Nest gibt, kann ich noch nicht sagen, die üblichen Verdächtigen wie Mehl-, Reis- und Zuckerdosen sind frei davon. 

19. Oktober 2023, Isla Solarte (Panama) 

 

Ein bis jetzt (14:00 Uhr) komplett grauer und verregneter Tag. Weder Wind noch Sonne, die den Energieeintrag des Bootes und des Skippers steigern könnten. Es ist noch so viel Restenergie da, um eine Tiefenreinigung der Pantryschränke auszulösen. Dabei gelingt mir allerdings ein großer Schlag gegen die illegalen Einwanderer: im Übervorratsgefäß für Zucker (also doch!) sind sie massenhaft zugange. Das ist zwar verschlossen, aber wohl nicht fest genug. Gerade das Fehlen ihrer dritten Dimension läßt die Miksen (Zusammensetzung aus Mikro und Ameisen) durch jeden auch nicht vorhandenen Spalt schlüpfen. Ob das Problem damit gelöst ist, bezweifle ich aber, es sind natürlich immer noch welche unterwegs. Es ist ja auch immer wieder Wasser in der Motorbilge, obwohl ich schon zwei Lecks gefunden und geschlossen habe. 

Das Ankerlicht geht zwischendurch wieder, am nächsten Tag aber nicht mehr. Ich tippe auf eindringendes Regenwasser, das dann langsam wieder verdunstet. Muß hoch in den Mast, wenn ich wieder im Hafen bin. Ob ich ein Leck finde, ist zweifelhaft. Wahrscheinlich finde ich Miksen. 

Zusammen mit der SANCARA mache ich wieder einen Urwaldspaziergang auf der Insel. Es ist sehr tropisch und matschig, meine All-Terrain-Boots (Flip-Flops) kommen an ihre Grenzen bezüglich Seitenhalt und drohen auch öfter im Matsch stecken zu bleiben. Am Ende liegt die Bambuda Lodge, ein Hostel mit Bar und Pool. Wir würden gerne ein erfrischendes Getränk zu uns nehmen, kriegen aber keins, weil wir keine Hausgäste sind. Häh? 

21. Oktober 2023, Laguna Porras (Panama)

 

Eine verträumte Bucht neben der nächsten Mangroveninsel. Hier isses gemütlich. Außer heute beim Aufankern, da fängt es plötzlich mit 5 Bft. an zu pusten und mir meinen schönen, kolumbianischen Apothekenhut vom Kopf. Rettungsaktion erfolglos, er sinkt erstaunlich zügig. Der hat in der Apo in Cartagena immerhin 15$ gekostet, die panamesischen Apotheken führen so etwas gar nicht.

Am Südufer der Lagune liegt die „Green Acres Chocolate Farm“, dort werden geführte Dschungeltouren inklusive Verkostung der eigenen Produkte angeboten. Von Farm kann eigentlich keine Rede sein, im Urwald stehen ein paar Kakaobäume rum, die hin und wieder beerntet werden. Die Weiterverarbeitung findet in einem Schuppen mittels „Maschinen“ statt, deren Dimensionen und Alter mich sehr beeindrucken. Als Gießform nutzt man ein längs aufgesägtes 2“-Abwasserrohr (links im Bild). Die Tafel aus 100% Kakao kostet entsprechend 10$, ich nehme natürlich anstandshalber eine mit. Das Highlight der Tour ist aber ein Zweizehenfaultier, das gerade vom Boden wieder in die Zweige klettert und damit Auge in Auge bestaunt werden kann.

Auf dem Boden hüpfen einige kleine Pfeilgiftfrösche herum, Körperlänge ca. 2cm, Körperbemalung schwarz-grün.

22. Oktober 2023, Laguna Palos (Panama)

 

Die Lagunen hier sind voller Delfine, ständig hustet und niest und springt und taucht es um einen herum. Man kann aber nur 10m weit unter Wasser sehen und so nahe kommen sie nicht.

Am Ufer stehen einige kleine Pensionen auf Pfählen mit Blick vom Bett auf’s Wasser, bei näherer Betrachtung sind es aber ganz schöne Bruchbuden. Die zugehörigen Restaurants (?) verschließen sich unseren Essenswünschen auch komplett.

Die Illegalen sehen bei näherer Betrachtung durch die Lupe gar nicht mehr so aus wie Ameisen: sie haben einen weißen und relativ beweglichen Hinterleib. Das spräche dafür, daß es sich um Termiten handelt. Bezüglich der Nomenklatur macht das kaum einen Unterschied, dann heißen sie halt „Mikten“. Aber bezüglich ihrer Ernährung schon, und das ist schlecht, denn Termiten fressen Holz. Es gibt ja die Geschichte, in der ein Segler sein Boot in den Tropen im Hafen zurückläßt, um nach Hause zu fliegen. Bei seiner Rückkehr nach ein paar Monaten sieht im Boot alles schick und ordentlich aus, bis er seine Tasche auf den Salontisch stellt und der komplett zusammenbricht. Das Selbe passiert mit den Schränken und Türen, als er sie anfaßt und öffnet. Die Termiten hatten in der Zwischenzeit das ganze Holz der Möbel weggefressen und nur die Lackschicht mit einer Spur Furnier stehen lassen. 

Gut, das klingt ein bißchen nach Seemannsgarn, nichtsdestotrotz habe ich den Illegalen jetzt den Krieg erklärt. Da ich seinerzeit beim Chemischen Dienst der NVA das Kriegshandwerk erlernt habe, setze ich auf chemische Kampfmittel. Aus Zucker und Borax (bin natürlich vorbereitet) stelle ich eine gesättigte Lösung her, tränke damit kleine Fetzen Küchenrolle und verteile sie an strategisch günstigen Punkten im Schiff. Der Zucker lockt die Biester an, das Borax killt sie. So die Theorie. Punkt Eins des Plans funktioniert gut, Punkt zwei muß noch kommen. Aber nach einem Tag scheinen mir die Angriffswellen schon etwas dünner zu sein… 

25. Oktober 2023, Cayos Gallegos (Panama) 

 

Im Trouble Hole auf der Isla San Cristobal gibt es eine kleine, von einem Schweizer Paar geführte Pension. Wir melden uns hier mal zum Dinner an, und was kriegen wir? Schweizer Käsefondue! Herrlich! Zum Glück hatten sie kein Angelglück. 

Ich trenne mich von der SANCARA (will nach USA) und fahre langsam in Richtung Osten und Shelter Bay, denn ich muß doch nächste Woche nochmal nach Deutschland fliegen. Pflichtbewußt schreibe ich das lange vernachlässigte Logbuch und gucke nicht konzentriert nach vorne, da knallt’s auch schon. Eine grüne Tonne, ich fahre mit der Backbordseite dagegen. Normalerweise haben sie hier gar keine Tonnen, selbst wenn sie in der Karte stehen. Diese hier gehört auch eine Meile weiter nach Westen, ich hatte mit zwei Meilen freiem Wasser gerechnet. Oben ganz dünn (deshalb auch übersehen), unten aber recht massiv (Stahlbeton), dafür ist mein Boot an der Stelle etwas dünner, das Gelcoat fehlt jetzt. Jesús wird sich freuen. Ich ärgere mich mal wieder über das Hauptproblem an Bord, ankere hinter den nächsten Mangroven und klebe die Stelle provisorisch mit Tape ab. 

27. Oktober 2023, zwischen Tobobe und Isla Escudo de Veraguas (Panama)

 

Tobobe ist der letzte sichere Ankerplatz vor den 120nm in die Shelter Bay. Hier leben wieder die Ngöbe, und deren junge Vertreter kommen auch neugierig in ihren Einbäumen, um mich mit etwas Abstand zu bestaunen. Ich winke sie ran und verteile Kamelle. Der alte Fischer, der sich nach meinem Befinden erkundigt, kriegt ein Bier und die Halbstarken kriegen einen Kuli und einen Rest Angelschnur. Nach Leinen fragen sie auch, aber da habe ich keine zum Verschenken. Macht nichts, dann kommen sie eben in der Nacht nochmal wieder und schneiden sich selber welche von der Reling ab, z. B. meine Rollreffleine. Die verdammten Säcke!! Jetzt kann ich in Colón sehen, wo ich eine neue herkriege. Und für das nächste Indianerdorf Glas- und Bleikugeln, das scheinen nach wie vor die besten Geschenkartikel für derartige Verbrecher zu sein. Ist aber in meiner langen Segelkarriere erst der zweite Diebstahl. Der erste war vor Sizilien, da hat man uns das Dinghy samt Motor abgeschnitten. Entweder die Mafia persönlich oder arabische Einwandererbanden.

Apropos, die Illegalen sind immer noch da. Wesentlich weniger allerdings, sie haben sich scheinbar ins Cockpit zurückgezogen und auf eine Guerillataktik verlegt, im Salon lassen sie sich nur noch vereinzelt blicken. 

 

28. Oktober, Shelter Bay Marina, Colón (Panama) 

                         

Die indianischen Leinenabschneider haben sich gar nicht die Mühsal einer Nachtschicht auferlegt! Ich habe mich nochmal an den Verlauf ihres Besuchs erinnert: es ist in der Dämmerung, schon fast dunkel, es kommen drei Einbäume, einer hält bei mir am Heck, einer ein bißchen steuerbord, der andere an Backbord. Der am Heck kann ein bißchen englisch und spanisch und verwickelt mich in ein Gespräch, Er fragt alles Mögliche, nach meiner Familie, nach etwas zu trinken, nach der Länge meiner Reise, was ich vorhabe, ob ich Obst und Gemüse kaufen will usw. Dann fragt er plötzlich „Listo?“, also „Fertig?“. Das verwundert mich ein bißchen, aber die Frage gilt wohl nicht mir, sondern seinem Kollegen an der Steuerbordseite, denn jetzt verabschieden sich alle ganz schnell und paddeln in die Nacht. Der Kollege war wohl „fertig“ mit dem Abschneiden und Verstauen meiner Rollreffleine. Nun glaube ich wieder an das Böse im Menschen und werde niemanden mehr im Zwielicht zu nahe an mein Boot lassen. 

Für den Rückweg in die Shelter Bay ist für gestern und heute WNW Stärke 4 angesetzt. Dazu käme noch der Caribbean Countercurrent mit 1,5kn in die richtige Richtung, das sollte passen. Bis zum Abend haben wir allerdings WSW Stärke 2 und 0,5kn Strom. Der Diesel läuft. Fisch gibt’s auch nicht. Grrrr… 

Nach 10 Motorstunden kommt doch noch Wind, aus SSE!? Egal, damit fahren wir über 7kn, mit Nachtschlaf wird es auch diesmal nichts. Der Ärger über Tonnenkollision und Diebstahl und diverse andere Probleme tragen auch nicht zur inneren Ruhe bei. 

Da das Schiff völlig aufgegessen und ausgetrunken ist, freue ich mich schon auf die Einkaufsfahrten mit dem Marina Shuttle zum „REY“ Supermarkt. Denkste, der Service ist eingestellt. In Colón und Panama City finden Proteste mit nicht soo friedlichen Mitteln, Straßenblockaden und Demonstrationen statt. Die Regierung hat wohl einen Deal mit einem internationalen Bergbaukonzern unter kanadischer Führung zur Überlassung von Schürfrechten über vierzig Jahre geschlossen. Damals beim Kanal waren’s hundert Jahre für die Amis, aber die Zeiten haben sich geändert. Kein Mensch erwartet zwar, daß mittelamerikanische Politiker unbestechlich sind, aber wenn man es übertreibt, fühlt sich das Volk hier tatsächlich über den Tisch gezogen. Nun gut, nichts gegen Demokratieversuche, aber meine Fahrt zum Flughafen am Mittwoch ist gefährdet, denn dessen Bedeutung ist allen Beteiligten bewußt und die Zufahrtsstraße wurde auch schon blockiert. Man rät mir, früh um sechs dort anzukommen (mein Flug geht abends um sechs), bis da wären die Protestler noch im Bett. Nach der gestrigen schlaflosen Nacht noch zwei weitere, wenn das kein gutes Training ist… 

30. Oktober, Shelter Bay Marina, Colón (Panama)

 

Abschlußmeldung, die nächsten zwei Wochen bin ich nicht an Bord: Jesús sagt, daß der Tonneneinschlag im Hafen repariert werden könne und das Schiff  nicht gekrant werden müsse. Halleluja!

Das Ankerlicht samt Dreifarbenlaterne läßt sich durch leichtes Wackeln an selbigem randomisiert ein- und ausschalten. Das nennt man Wackelkontakt. Meine bisherigen Versuche im Masttop (reinigen, ölen und aufweiten der Kontaktstifte) haben aber bisher nicht zum Erfolg geführt.

Im Heckbereich sind zwei kleine Bohrungen (ich weiß nicht wofür), durch die bei Beregnung ein paar Tropfen kommen. Die werden verschlossen, ansonsten sind unter dem Wasserschlauchtest keine weiteren Eintrittsstellen zu finden. Praxistest steht noch aus, die Regenzeit schwächelt gerade.

 

18. November 2023, Shelter Bay Marina, Colón (Panama) 

 

Ich bin seit gestern wieder vollzählig zurück an Bord. Wer dagegen ein bißchen schwächelt, sind die Illegalen: keiner zu sehen! Sollte mein Borax doch retardiert gewirkt haben? 

November ist Hochzeit der Regenzeit, die Sonne habe ich noch erblickt. Stattdessen ist die Motorbilge wieder voller Süßwasser, ich entdecke nach längerem Aufenthalt im Heck ein drittes kleines Bohrloch, aus dem es alle 5s tropft. Ich könnte es einfach mit Silikon verschließen, wüßte aber vorher gerne, wie das Wasser dorthin kommt, das Loch geht nicht durch bis nach außen. 

Auch die Werftarbeiter scheinen unter der Regenzeit und den Straßenblockaden gelitten zu haben, die zu erledigenden Arbeiten (u. a. die Tonnenschramme backbord) sind auf einem Stand, als hätte man vor zwei Tagen mit einer davon begonnen. 

Die Rückfahrt vom Flughafen war ähnlich langwierig wie die Anreise, die Proteste sind weiterhin in vollem Gange. Vorgestern war die Straße über 24h blockiert, also durfte ich mir in Panama City ein Zimmer nehmen und konnte erst am nächsten Morgen weiterfahren nach Colón. 

22. November 2023, Shelter Bay Marina, Colón (Panama)

 

Mittlerweile ist auch Günther eingetroffen, damit sind wir gegenüber den Illegalen in der Überzahl. Er fühlt sich nach unserem ersten Besuch beim chinesischen Herrenausstatter auch wohlbehütet. 

Die Werftarbeiten gehen wiedermal langsam voran, wir haben aber bei unserer Testfahrt zur Tankstelle wenigstens festgestellt, daß das Ruder jetzt wieder in der Mitte sitzt. Nach dem Tanken gibt uns der Tankwart eine verplombte Dieselprobe mit, damit wir was damit machen können? Ihn verklagen, wenn der Motor wegen der schlechten Qualität aussetzt? Die Panamesen sind doch die besseren Deutschen.

Mittlerweile tropft es aus der Decke über dem Kühlschrank, das Regenwasser könnte über die Bohrung für das Solarpaneelkabel ins Dach eindringen, daher wird diese ausgekratzt und großzügig mit neuer Dichtmasse verfüllt. 

Zeitdruck herrscht nicht, der Wetterbericht rät von einem Start vor Montag ab. Wir wollen nämlich nach San Andres und Santa Catalina, das sind zwei kolumbianische Inseln 2 Tagestouren nördlich von Panama, und von da weiter bis Belize. 800nm eine Strecke, rückwärts gegen den Passat sicher noch etwas mehr. Wir haben Zeit bis nächstes Jahr.

25. November 2023, Shelter Bay Marina, Colón (Panama) 

 

Das Boot ist startbereit, der Dinghyboden ist geklebt, die Tonnenschramme ist verfugt und poliert, die Pantry ist verproviantiert, die Wäsche gewaschen, das Deck geschrubbt – wir haben Zeit für etwas Tourismus und fahren zum Besucherzentrum Agua Clara an den neuen Neopanamax-Schleusen. Morgens um halb neun, denn aufgrund der Wasserknappheit ist dann die einzige Aufwärtsschleusung des Tages. Geschleust wird ein Kreuzfahrtschiff mit ca. 3.000 Passagieren. Nach der Schleusung ankert der Kahn 500m hinter dem Schleusentor und fährt fünf Stunden später wieder zurück in die Karibik. Die Aktion kostet pro Passagier ca. 200$. 

Ein großes Neopanamax-Containerschiff zahlt für die Passage über 1 Mio. Dollar, das macht bei ca. 16.000 Containern etwas über 60$ pro Container. Gar nicht so viel, wenn man überlegt, wie viele Samsung Galaxies in einen Container passen, denn dann kostet der Transport pro Stück unter einem Cent. Bemerkenswert. 

29. November 2023, Isla San Andrés (Kolumbien)

 

Die Überfahrt nach San Andrés wird in Rekordzeit absolviert (220nm in 32h), im zweiten Reff, mit kleiner Fock und hoher Welle und dementsprechend geringem Appetit. Wir angeln nicht und sitzen oder liegen verkeilt irgendwo rum. Der vorgeschädigte Block der Fock verabschiedet sich bei der Gelegenheit gänzlich.

San Andrés ist leicht anzufahren und bietet ausreichend und gut belüftete Ankerplätze. Durchs Ankerfeld schießen Ausflugsboote mit kolumbianischen Touristen, die zu vorgelagerten kleinen Inseln mit Bespaßungsanlagen wollen. Die Stadt selbst ist Mopedzone, die Supermärkte bieten Rum im Tetrapack an. 

1. Dezember 2023, Isla San Andrés (Kolumbien) 

 

Sechs Stunden Inselrundfahrt mit Kawasaki-Kleinkreuzer. Motor und Getriebe stammen mit Sicherheit aus einer Motorsense. Die Handbremse fehlt auch schon, aber am Wegesrand liegen genug Steine. 

3. Dezember 2023, Isla Providencia (Kolumbien)

 

Gestern soll der Wind wesentlich östlicher als Nordost und etwas schwächer kommen als all die anderen Tage, also klingelt der Wecker um sechs und wir nehmen die knapp 60nm nach Old Providence im Norden in Angriff. Die Windrichtung ist gut, die Windstärke höher als angesagt, es wird ein wilder Ritt, aber wir vertragen ihn, weil wir jetzt trainiert sind. Angeln will trotzdem keiner bei einem Am-Wind-Kurs. 

Am Ankerplatz angekommen, nimmt man im Allgemeinen zunächst ein erfrischendes Bad im Meer, um sich dann abzuduschen. Allein die Wasserpumpe fördert kein Wasser mehr. Sie läuft und brummt und ist auch ganz heiß, aber es kommt nix. Voller Stolz packe ich meine Ersatzpumpe aus, die ich beim letzten Heimaturlaub mitgebracht habe, und tausche sie aus. Läuft! Jetzt noch ein erfrischendes Feierabendbier: Kühlschranktür auf, wer kommt mir entgegen? Der Inhalt von zwei Joghurtbechern, dem wohl bei der Schaukelei schlecht geworden ist und der eine zweite Gärung begonnen hat, die wiederum zur Explosion der Behältnisse führte. Was für eine Sauerei…

Providencia ist kleiner und bergiger als San Andrés und auch etwas kaputter und remoter. Es gibt ein paar Tiendas, aber ein Restaurant ist beim ersten Besuch nicht zu erkennen. Eine schicke Fußgängerbrücke führt hinüber nach Santa Catalina, die kleine auto- und mopedfreie Nachbarinsel, die den Ankerplatz begrenzt. Ähnlich wie bei Hiddensee und Rügen.

6. Dezember 2023, Isla Providencia (Kolumbien)

 

Ursache für den kaputten Eindruck war Hurrikan Iota im November(!) 2020. Laut Eingeborenen blieben nur 2% aller Gebäude unbeschädigt. Selbst die Mangroven hat es zerfetzt. Dafür gibt es schon wieder erstaunlich viele neue Häuser, die Trümmerbeseitigung ist dagegen zweitrangig. Höchstens. Ein sehr schönes Beispiel für den Unterschied zwischen deutscher (man erinnert sich an die Trümmerfrauen nach dem 2. Weltkrieg) und karibischer Herangehensweise.

Wir nehmen zusammen mit einer fränkischen Crew wieder einen Kawasaki-Mule (wesentlich besser in Schuß diesmal) und machen eine Rundtour um die Insel. Andere Straßen gibt es auch nicht. Das „Divino Niño“ hat lecker Krabben und eine Besitzerin aus Rostock, die hier nie wieder weg will.

Einen karibisch entspannten Nikolaus und eine fröhliche Adventszeit!

6. Dezember 2023, Isla Providencia (Kolumbien)

 

Belize soll sehr schön sein, vor allem auch unter Wasser, denn vor seiner Küste liegt das zweitgrößte Barriereriff der Welt. Belize selbst liegt allerdings ganz hinten im Westen der Karibik. Hin kommt man gut mit kräftigem Ostwind, aber ganz schwer wieder zurück. Da wir bei den Touren hier hoch nach San Andrés und Providencia bereits so unsere Erfahrungen mit dem Wind und vor allem der Welle gemacht haben, ist das Interesse an großen Barriereriffs auch stark geschwunden. Trotzdem probieren wir morgen die Fahrt auf die zu Honduras gehörende Insel Guanaja, das sind 350nm nach NW, von da sollten wir bei einem passenden Wetterfenster mit NE-Wind wieder zurückkommen. Wir rechnen mit 2 Nächten auf See. Und großen Thunfischen.

9. Dezember 2023, Isla Providencia (Kolumbien) 

 

Wir sind immer noch da. Der Wetterbericht hat seine Ansicht geändert und den Wind vom 07. und 08.12. auf 6Bft. hochgefahren. Das haben wir gestern gemerkt, als es den Sicherungspin vom Propeller des Windgenerators ein Stück herauszentrifugiert und dabei ein Propellerblatt beschädigt hat. Es war ordentlich Krawall am Ankerplatz. Morgen soll es etwas friedlicher werden, wir haben den Wecker mal wieder auf 06:00 gestellt. 

12. Dezember 2023, 15nm vor Guanaja (Honduras)

 

Laut Wetterbericht müßte Ostwind mit 4-5 Bft. kommen. Ich freue mich schon auf das Ausbaumen, die entspannte Fahrt vor dem Wind und den ersten Thun, da dreht der Wind morgens um 07:00 auf Nord und wir müssen ganz dicht ran. Dazu dreht er noch auf und wir das zweite Reff ins Großsegel. Schön, er raumt gegen Mittag, aber geht hoch auf 7 Bft. Das dritte Reff bekommt seinen Premieren-Einsatz. Überhaupt ist das hier ein bißchen wie auf der Ostsee: oben hellgrau mit Regenschauern, unten dunkelgrau mit 2m-Kabbelwellen . Die Wassertemperatur ist der einzige Unterschied.

Die zweite Nacht wird relativ entspannt, unter Genua und erstem Reff fährt es sich zügig dahin in Richtung Ziel. Bis morgens halb acht, da werde ich wach wegen Krawall und Krängung. Günther kurbelt in strömendem Regen und starkem Wind mühevoll die Genua ein. Der Wind dreht, wir kriegen die Halse noch gebacken, bergen dann aber sämtliche Segel und laufen vor dem Wind ab. Der treibt den Regen bis in den Salon, irgendwie ist plötzlich alles naß. Günther setzt den Südwester auf. 

Jetzt motorsegeln wir gerade bei 2 Bft. aus Süd die letzten 15nm Richtung Guanaja. Sehr abwechslungsreich.

14. Dezember 2023, Guanaja (Honduras)

 

Angekommen. Der Hauptort von Guanaja liegt auf einer kleinen, vorgelagerten Insel und ist ein Dreckloch. Da es durchgängig regnet, ist er das im wahrsten Sinne des Wortes. Mir gefällt es gar nicht. Wir klarieren ein, kaufen ein abgepacktes Toastbrot und eine SIM-Karte und verlegen uns am nächsten Morgen in eine schöne Bucht in der Nähe, in der ein junger Holländer die Yachties (8 Boote liegen noch hier) mit bestem Bier und guten Pizzen versorgt. Dazu scheint seit heute auch wieder die Sonne und die erneut gerissene Sika-Fuge der Frontscheibe, die den ganzen Regen ins Boot und in die Polster der Couch gelassen hat, haben wir erstmal provisorisch, aber erfolgreich mittels Tape abgedichtet . 

Der Wind soll ab Sonntag auf Nord drehen, dann hätten wir sozusagen schon einen Rückfahrschein mitgebucht. Allerdings kommt er gleich wieder mit 5-6 Bft. daher, schaumerma, dosehmerscho.

19. Dezember 2023, 20nm südlich der Isla Roatan (Honduras) 

 

Wir sind noch bis auf die Isla Roatan gefahren, einen Tag harte Kreuz und am nächsten Tag die nicht geschafften 10 letzten Meilen von Jonesville (schöne, geschützte Bucht mit amerikanischer Bar, die wiederum mit Craft Beer und German Bratsausage!) nach French Cay, hier erwartet uns die SANCARA, zum allerletzten Mal , bevor sie nach Belize und dann nach Florida weiterzieht. French Cay hat neben heruntergekommenen Strandbars und einem kleinen Zoo nur einen guten Supermarkt zu bieten. Bezeichnenderweise haben sich die russischen Kollegen hier niedergelassen. 

Mein Wind- und Wassergenerator vibriert und klappert mittlerweile wie ein alter Trecker, wir nehmen das Teil komplett auseinander, alle Verbindungen und Lager sind lose und haben zu viel Spiel. Das gröbste reparieren wir – logischerweise – auf die russische Methode, mit Bierdosenblech und angezogenen Schrauben, ein Lager muß ich tauschen, aber das kann ich nur von Deutschland mitbringen lassen. Im Moment läuft er wieder einigermaßen ruhig. Das ist wichtig, weil die Sonne selten scheint und die Solarpaneele wenig Ertrag bringen. Auf Guanaja haben wir deshalb die Dieseltanks aufgefüllt (1€/l). 

Jetzt sind wir auf See und donnern mit 8kn Speed bei raumen 6 Bft. zurück Richtung Panama. Am Wegesrand liegen die nicaraguanischen Corn Islands, die wollen wir in drei Tagen für einen Zwischenstopp nutzen. Der Wind soll weiterhin erst aus Nordwest, dann aus Nord kommen, das paßt. 

21. Dezember 2023, 120nm nördlich der Isla del Maiz (Nicaragua) 

 

Unter 5 Bft. ist hier nichts zu haben. 6 Bft. sind der Standard, 7 Bft. werden gerne nachgeschenkt. Wenn die vorlich kommen (von wegen NW, NNE isses!), wird das recht erfrischend. Seit wir aber um das Cabo „Gracias a Dios“ (Kap „Gott sei Dank“, ein sehr schöner Name) rum sind, kommen sie raum und jetzt fast achterlich, das geht viel besser. Die Strecke ist 450nm lang, wir können mittlerweile vorsichtig und sparsam besegelt fahren, um nicht morgen früh schon im Dunkeln am Ankerplatz anzukommen. 

Apropos: an unserer Angel ist gestern ein kleiner Blauflossenthun angekommen! Heute wird er verspeist, der Appetit ist vorwind deutlich besser geworden. Die westkaribische See ist ja eher kurzwellig und unrhythmisch und damit für Diätphasen prädestiniert. 

Das im Lazyjack liegende, gereffte Großsegel hat eine „herausragende“ Falte gebildet, die sich leicht im Wind bewegt und dabei an einer der Lazyjack-Leinen schamfilt. Als ich das am Morgen sehe, ist das Segel natürlich schon durchgerieben. Grrr… Das Gleiche passiert mit dem Mantel der Genuaschot in der Schotklemme. Grrrr… Segeln ist gar nicht gut für das Boot. Ich muß zurück in den Hafen. 

26. Dezember 2023, Bocas del Toro (Panama)

 

Die letzten 190nm von Corn Island nach Bocas del Toro sind geschafft, anfangs schönes Segeln, zum Schluß schönes Motoren. Weihnachten findet also in Panama statt, statt einer apfelgefüllten Gans mit Klößen gibt’s ein ananasgefülltes Huhn mit Süßkartoffeln, sehr gut!

In der amerikanischen Bar wird Gose, so etwas wie Berliner Weiße, ausgeschenkt, auch sehr gut!

Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch!

01. Januar 2024, Bocas del Toro (Panama) 

 

Wir machen entspanntes Rumhängen in den Bocas del Toro-Lagunen, besuchen den überlaufenen Playa Estrella und achten darauf, uns strikt vegetarisch zu ernähren. Mit Kokosnüssen und Schokolade. Letztere wird von einer Belgierin auf ihrer Kakaofarm hergestellt, natürlich in Form von perfekten, gefüllten Praline´s. 

Silvester feiern wir in Bocas-Town mit unseren schweizer Kollegen. 

Alles Gute zum Neuen Jahr! 

03. Januar 2024, Golfo de los Mosquitos (Panama) 

 

Seit gestern sind wir auf der letzten Etappe zurück in die Shelter Bay mit Zwischenstopps auf Escudo de Veraguas und im Rio Chagres. Ersterer bot nach einer regen- und windreichen Tagesfahrt nur einen recht schwelligen Ankerplatz, deshalb haben wir den dort geplanten Tagesaufenthalt heute früh spontan in eine Weiterfahrt umgewandelt, um letzteren morgen früh zu erreichen (95nm). Obwohl der Wetterbericht für heute Schwachwind angesetzt hat, aber den Regen und den SW von gestern hatte er ja auch nicht auf dem Schirm. Nun dümpeln wir unter Passatbesegelung durchs bedünte Meer, Günther hat die anspruchsvolle Aufgabe, den Bug zu beschweren. Er erfüllt sie mit Hingabe, während unsere Angel ihren Aufgaben bisher noch gar nicht nachgekommen ist. 

Es ist auch ein Genuß, mit achterlichem Wind und 4-5kn (plus 1,5kn vom Caribbean Counter Current) unter (mit kleinen Cumuli garniertem) blauem Himmel dahinzuschaukeln. Hatte ich lange nicht.

04. Januar 2024, Rio Chagres (Panama) 

 

Alles ist veränderlich, alles geht kaputt. Der achterliche Wind und der Sonnenschein weichen Böen und Regen von vorn, die Angel rauscht mit Höchstgeschwindigkeit aus, dann bricht die Schnur. Das muß ein dickes Ding gewesen sein… 

Nach einer etwas unruhigen Nacht mit vielen Winddrehern sind wir heute früh im Rio Chagres angekommen, um festzustellen, daß die Ankerwinsch viel langsamer dreht als bisher (warum?) und eine Mastrutscher-Kausch aus dem Vorliek des Großsegels ausgerissen ist. Und eher so für Profis, sprich Segelmacher, weniger für den Handarbeiter an Bord. 

13. Januar 2024, Shelter Bay Marina, Colón (Panama)

 

Wir sind nach einer schönen, entspannten und kurzen Kreuz wiedermal im Schutz der Shelter Bay gelandet. Zumal wir wegen des gerissenen Großsegels ja nur im entspannten dritten Reff fahren konnten. Mittlerweile ist der Riß im Vorliek samt der anderen Schadstellen des Großsegels schon vom Segelmacher repariert, sogar das ganze Boot wurde geschrubbt und gereinigt. Die Reinigungsfirma (Günther‘s Wash&Go GmbH) ist vorgestern in meiner Begleitung nach Panama City gefahren, hat dort noch zwei entspannte, hotelgestützte Urlaubstage absolviert und befindet sich jetzt hoch über den Wolken auf dem Weg in den nordischen Winter. Ein hartes Los. Derweilen beschäftige ich die Lavanderia und räume sämtliche Schränke aus, um alles zu lüften und zu entschimmeln. Momentan ist zwar Trockenzeit (es regnet deutlich weniger), aber Schimmelzeit ist wohl immer. 

Die Jungs von der Werft dichten (mal wieder) die Frontscheibe ab, beheben weitere kleine Mängel und bauen das Kompartiment hinten unten im Schiff, wo das Ruder sitzt, wasserdicht um. Sollte nun das Ruder samt Koker brechen, würde das Schiff nicht sofort volllaufen und absaufen. Früher hat man gerne das Bugkompartiment abgeschottet, aus Angst, frontal auf einen Wal, Container oder Eisberg zu laufen (hat bei der TITANIC auch gut funktioniert). Die letzten Yacht-Untergänge waren aber mehr hecklastig und hatten ihre Ursachen in Schäden an der Ruderaufhängung. Na ja, es ist halt wie mit dem Regenschirm: hat man ihn dabei, dann regnet es nicht.

17. Januar 2024, Shelter Bay Marina, Colón (Panama) 

 

Meine Batterien sind wieder im Eimer. Sie schwächeln schon eine Weile, jetzt habe ich sie aufgeschraubt, um gegebenenfalls Wasser aufzufüllen: die ehemals schnurgerade nebeneinander platzierten Bleiplatten haben sich gekräuselt. Meine einzige Idee zur Ursache ist Überladung durch die Solarpaneele oder die Lichtmaschine, denn die passen sich nicht der erhöhten Umgebungstemperatur von 30°C + x an. Das schlaue Buch sagt nämlich, daß die Ladeendspannung bei einer Temperaturerhöhung von 10K um 0,25V zu verringern sei. Habe das jetzt per Hand geändert und zwei neue Lithium(!)-Batterien in Miami bestellt. Man gönnt sich ja sonst nichts. Das bringt außerdem (Achtung, Wortspiel:) Spannung für die nächsten zwei Wochen, solange soll die Lieferung hierher dauern. 

Die Frontscheibe ist von außen und diesmal auch von innen neu eingedichtet, das Schott vor dem Ruderkoker ist (einigermaßen) wasserdicht verschlossen. Die to-do-list ist allerdings noch ergiebig genug für die nächsten Tage. 

Gestern bin ich mal wieder kurz in den Pazifik getobt, um mich vorsichtig zu akklimatisieren und Schweizer Kollegen zu helfen, denen ein Linehandler einen Tag vor dem Transittermin abgesagt hat. Diesmal geht es schon morgens um 04:30 los, zwölf Stunden später sind wir im Mar del Sur. Das Boot ist eine bewährte Vindö 39, sehr schiffig, stabil und gemütlich, mit netten Kollegen und guter Versorgung. Deck und Cockpit ähneln aber eher einem Kletterpark, das liegt am zusätzlichen Besanmast, den entsprechend zahlreichen, innen laufenden Wanten und dem niedrigeren Bimini; da haben die modernen Einmaster doch Vorteile. 

Der Gatunsee ist übrigens wieder voll bis zum Rand, obwohl es (die Regenzeit ist vorbei) schon lange nicht mehr geregnet hat. Die Anzahl der vor Colón wartenden Schiffe hat sich auch in etwa halbiert, die Klima- und Welthandelskatastrophe scheint beendet. Das tut mir leid für die Kanalgesellschaft, denn die hat währenddessen die Anzahl der Durchfahrten verringern und die nun verknappten solchen extra versteigern können. So haben besonders eilige Schiffe, die bereits z.B. 400.000 $ bezahlen, nochmal bis zum Doppelten abgedrückt, um rechtzeitig dranzukommen. Weniger Arbeit bei dreifachem Umsatz, sowas begeistert mich ja. Und dazu noch die Sympathie der Lastgeneration, was will man mehr? Ich sehe meinem Passagetermin jedenfalls wieder etwas hoffnungsvoller entgegen. 

22. Januar 2024, Shelter Bay Marina, Colón (Panama) 

 

Entspanntes Hafenleben, ein bißchen rumbasteln und –putzen, Rechnungen zahlen (die Werftarbeiter sind erstmal fertig, bis auf den Dinghyboden, der zum sechsten Mal nachgeklebt wird) und schon vorsichtig verproviantieren. 

Nebenbei bin ich noch ein Jahr älter geworden. Es gab einen neuen Hut (die fliegen immer so schnell weg), einen Ventilator für den Navigationsplatz (der das Leben leichter machen soll) und ein Tomahawksteak vom Grill (das hat das Leben etwas schwerer gemacht). 

Die in den USA bestellten Batterien sind unterwegs, die amerikanische Tracking-App schickt mir täglich Nachrichten zu den Transport-Fortschritten meines Produkts und zu weiteren Produkten, die ich möglichst zeitnah kaufen und auch auf den Weg bringen soll. 

23. Januar 2024, Shelter Bay Marina, Colón (Panama) 

 

Nix mehr mit entspanntem Hafenleben, aus die Maus! Eine Nachricht ist hereingekommen. Die HANSE-Werft teilt mit, daß bei der Moody DS41 das Deck neben dem Mastfuß verstärkt werden müsse. Dann würde auch die Sika-Fuge unter der Frontscheibe nicht mehr ständig aufreißen. Man solle eine 70cm lange und 2,5cm starke GfK-Platte von unten gegen die Decke laminieren. Wichtig sei, das Deck zunächst von der Last zu befreien, also zuförderst solle der Mast heruntergenommen werden. Häh?!? Das ist jetzt nicht in einem halben Tag gemacht. Dazu brauche ich einen Krantermin, auch die GfK-Platte gibt es nicht zu kaufen, die muß angefertigt werden, etc. etc. Jesús hat sich die Sache schon angesehen, seinen weißbehelmten Kopf gewiegt und irgendetwas gebrabbelt, bevor er wie immer seine englische Standardmeinung kund tut: „No problem, no problem.“ Sicher, er hat ja auch keins. Ich habe eins, denn die zeitliche Einschätzung ist jetzt vom sonst üblichen „mañana“ auf „proxima semana“ prolongiert worden. Und diesen Begriff hat Luther damals in der Bibel mit „von Unendlichkeit zu Unendlichkeit“  übersetzt, soweit ich weiß. 

Mañana wird erstmal die Innenverkleidung heruntergerissen, um die Sache näher zu begutachten. Die mitgelieferte und illustrierte Arbeitsanweisung der Werft besagt, daß diese Demontage semifinal sei und man dann die Verkleidung aus frischem Sperrholz und altem Bezugsstoff neu basteln müsse. Da kann ja nicht viel schief gehen. Auf, auf! 

29. Januar 2024, Shelter Bay Marina, Colón (Panama)

 

Habe durch Zufall für Donnerstag einen Krantermin bekommen, die ganze Woche war ausgebucht, weil die ARC World gerade hereinkommt, aber ich bin zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, als einer seinen Termin absagt. 

Mittlerweile haben die Werftler über 3 Tage (!) die Einbaustelle für die Decksverstärkungsplatte mittels Schraubenzieher und Hammer freigemeißelt. 

Morgen werde ich die Segel und den Großbaum abbauen, um den Mast ziehen zu können.

Heute hole ich bei der Spedition in Colón meine neuen US-amerikanischen Lithium-Akkus ab (Made in China, muß wohl so sein bei dem günstigen Preis) und hänge sie an die Ladestation, um sie morgen einzubauen. Natürlich sind sie 5mm länger als mein Batteriekasten, also werden vorher kleinere Tischlerarbeiten fällig.

Und eine dritte Kanalpassage habe ich gestern/vorgestern noch absolviert (der andere Nachbar hatte da mal eine Frage), aber nun reicht es auch.
Es gibt hier einen Hafendealer in knapp sitzenden weißen Jeans, dem kaufe ich zwei Flaschen Rum ab. Eine für mich und eine für Gäste.

31. Januar 2024, Shelter Bay Marina, Colón (Panama) 

 

Die alten Batterien aus Blei und Schwefelsäure sind raus, die neuen aus Lithium und Eisenphosphat sind drin. Wie alle anderen bisher auch, machen sie am Anfang einen sehr guten Eindruck. Hoffentlich halten sie länger als meine neue Pazifikfrisur, die zunächst ebenso fürchterlich haltbar aussieht.

Morgen ist Masttag, halb acht geht’s los. 

1. Februar 2024, Shelter Bay Marina, Colón (Panama) 

 

Gestern habe ich zusammen mit Steve, dem alten, südafrikanischen Rigger und seinem jungen, arbeitsunwilligen, venezolanischen Gehilfen (er wird deshalb täglich zum Feierabend cash bezahlt) alle grundsätzlichen Arbeiten zum Abriggen und Vorbereiten des Mastzuges durchgeführt. 

Heute früh, pünktlich viertel nach sieben klopft Steve – um diese Zeit ohne den besagten Gehilfen - zum Ausführen der Restarbeiten. Pünktlich fünf vor acht legen wir ab in Richtung Kran. Pünktlich um acht geht der Motor aus. Mitten in der Hafeneinfahrt, backbord Schiffe, steuerbord Mangroven, achtern das Flach und von vorn der Wind. Steve empfiehlt ein schnelles Ankermanöver, aber dazu müßte ich erstmal die Sicherungsleine des Ankers lösen, die Fernbedienung holen, einstöpseln und anschalten usw. Die Abstände betragen nach beiden Seiten aber nur fünf Meter, nach hinten sind es vielleicht dreißig. Der Motor startet nochmal, gibt aber nach zehn Sekunden wieder auf. Dieser Schwung reicht, um mit dem Bug bis fast zum Heck des vor uns festgemachten Kats zu kommen, Steve wirft ein Seil rüber und tatsächlich ist schon jemand oben und fängt es auf. Mit Bugstrahlruder und Muskelkraft sind wir irgendwann kratzerfrei längsseits. 

Steve telefoniert mit den Kranleuten, die daraufhin mit zwei hochmotorisierten Dinghies ausrücken, um uns zu retten und abzuholen. Ich tauche ab in den Motorraum zur Fehlersuche. Nix zu finden, kein Wasser im Diesel, ich mache trotzdem den Ablaßhahn auf. Es entsteht sofort ein Strudel, weil die Luft von unten ins System gesaugt wird. Unterdruck? Wie das? Ich habe doch letztens noch den Dieseltank saubergemacht, um jegliche Reste von Wasser und Dreck zu entfernen. Dazu habe ich den Dieselzulaufhahn geschlossen, damit nichts rausläuft, kann es vielleicht sein, daß ich vergessen habe, den wieder …?? 

Oh ja, es kann. Das Problem ist nicht das Boot. Das Problem ist auf dem Boot. 

Die Kavallerie rückt unverrichteter Dinge wieder ab, wir fahren mit eigener Kraft zum Kran. Dann klappt alles gut. 

 

4. Februar 2024, Shelter Bay Marina, Colón (Panama)

 

Die ersten Tage haben Jesus und seine Jünger viiiel Zeit, aber am Samstagabend arbeiten dann plötzlich sechs Mann auf meinem Boot, damit alles bis zum Krantermin am Montag fertig wird. Auf meinen Vorschlag hin werden diejenigen Schrauben gekürzt, die von oben die Beschläge im Deck verankern und von  innen aus diesem heraus gucken: jetzt paßt die Decksverstärkung plötzlich rein. Ob alle Zwischenräume wirklich mit Epoxy gefüllt wurden oder ob doch irgendwo eine Höhle geblieben ist, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. 
Natürlich ist das Boot hinterher um einige Kratzer und Flecken reicher, zudem ist das Kabel für die Badbeleuchtung durch die „sanfte“ Gewalt beim Einpassen der GfK-Platte beschädigt und dann hinter letzterer unerreichbar und damit unreparierbar einlaminiert worden.  Muß ich halt mehr Teelichter kaufen...

Heute ist Sonntag, da wird nicht gearbeitet, da kann ich in Ruhe alles schön putzen und reinigen.

11. Februar 2024, Balboa Yacht Club, Panama City (Panama)

 

Wir sind durch! Ohne Kratzer, Schrammen oder Probleme. Samstagnachmittag los, Sonntagmittag da, eine Nacht im Kanal an der Tonne verbracht. Sehr entspannt. Bis auf die Kosten von fast 3.000$. Meine Crew (bis auf meine Frau) verläßt im Pazifik fluchtartig das Schiff und zieht ins Hotel.

 

14. Februar 2024, La Playita, Panama City (Panama)

 

Ob das die richtige Entscheidung war? Der Pazifik zeigt sich gar nicht einladend: die Wassertemperatur von 22°C liegt 5-6° unter der der Karibik. Und das Unterwasserschiff ist ziemlich bewachsen (längere Hafenaufenthalte sind gar nicht gut) und muß dringend gereinigt werden. Dabei hole ich mir aber den Tod oder andere schlimme Erkältungen, also das muß die nächste Crew machen. Die haben schon Flüge gebucht und können nicht mehr absagen!

Ich mache lieber mit meiner Frau zwei Urlaubstage in Panama City, wir haben ein Zimmer in dem Hotel genommen, in dem auch die Entflohenen untergekrochen sind.

Danach geht’s an die Arbeit. Ganz sicher.

18. Februar 2024, Las Brisas, Panama City (Panama) 

 

Und saudreckig ist die Brühe auch noch. Da mache ich den Wassermacher lieber nicht an, sonst sind die Filter gleich verstopft. Und gehe nicht baden, sondern beschließe, gleich heute früh weiter auf die Isla Taboga zu fahren. 

Gestern habe ich noch versucht, die neuen Seekarten für den Pazifik auf meinem Laptop zu installieren, aber das Internetz am Ankerplatz ist zu schwach und der Vorgang bricht ab. Als ich heute früh vor‘m Losfahren mein Navigationsprogramm starten will, teilt mir dieses mit, daß es überhaupt nicht mehr da wäre. WhatsApp geht noch, also frage ich beim englischen Hersteller nach, ob die mißglückte Karteninstallation zum Totalverlust des Programms geführt haben könnte. Hersteller ist ein älterer Gentleman, der m. E. als Alleinunternehmer arbeitet und prompt am Sunday afternoon antwortet und Lösungsvorschläge liefert. Die bedingen natürlich eine stabile Internetzverbindung, also lasse ich das Dinghy zu Wasser und montiere den Motor, um eine solche an Land in einem Cafe´ oder Restaurant zu organisieren. Der Motor zuckt zweimal und dann nicht mehr. Grrrr… Nun brauche ich kein Internetz, sondern einen Kreuzschlitz und einen Imbusschlüssel. Vergaser raus, Düsen durchpusten, wieder rein: nix. Zündfunke da? Nee, sehe keinen. Ist auch schwer in der grellen Sonne. Verschattung über den Motor bauen, Lesebrille bemühen: doch, man kann manchmal einen sehen. Vergaser wieder raus: aha, kann nicht gehen, ist kein Benzin drin. Warum nicht? Beim Pumpen kommt reichlich. Versuche mich 40 Jahre zurück an meine Mopedschrauberkarriere zu erinnern. Dunkles Gewaber. War da nicht was mit der Schwimmernadel? Und siehe da: der Schwimmer ist verklemmt und bewegt sich und die Nadel gar nicht mehr. Zum Glück läßt sich seine Blockade recht einfach lösen. Vergaser wieder rein, pumpen, anreißen: läuft wie am Schnürchen! Ab an’s Ufer und in’s Cafe´: die Lösungsvorschläge aus England laufen auch, sowohl das Naviprogramm als auch die pazifischen Inseln tauchen auf dem Bildschirm auf. 

Diese enge Abfolge von Verzweiflung und Euphorie gibt es nur beim Segeln oder (für junge Menschen) in der Liebe. 

 

22. Februar 2024, Marina Vistamar (Panama) 

 

Ich bin in drei Tagen und kleinen Etappen über die Isla Taboga und die Isla Otoque nach SW bis Vistamar gesegelt, jetzt kann ich mich hier bei Starkwind ein bißchen vorbereiten: verproviantieren, waschen und die mitgebrachten Ersatzteile einbauen. Und auf die nächste Crew warten, die am Sonntag eintreffen will. Der Hafen ist schwellig, windig und nicht gerade gemütlich. 

Dafür ist es auf den Inseln recht schön, Taboga bewohnt und bewirtschaftet, Otoque abgelegen und pure Natur. Die besteht hauptsächlich aus fischenden Pelikanen. 

 

29. Februar 2024, Ensenada Naranjo (Panama) 

 

Meine neue Crew ist angekommen und hat auch schon mit der Arbeit begonnen. Wir verlassen Vista Mar mit dem Ziel Costa Rica und segeln und motoren an der panamesischen Halbinsel Azuero nach Westen. Diese Küste ist einem Tidenhub von bis zu vier Metern ausgesetzt, da wir des mit Ankerplätzen in Flußläufen zu tun haben, müssen wir uns sputen, um rechtzeitig vor Niedrigwasser und Sonnenuntergang über die Barre zu kommen. 

Die Ensenada Benao soll dagegen ein Wellenreiterparadies sein, und tatsächlich bauen sich am Strand auch Wellen auf, die von den Surfschulen genutzt werden können. Wir ankern 300m davor und merken davon gar nichts. Aber daß die Surferlounge Paulaner Weißbier ausschenkt, merken wir sehr schnell. 

Die Gegend hier ist recht trocken, kein Regenwald, sondern mehr mediterran vertrockneter Bewuchs. Die Wassertemperatur ist auf 25°C gestiegen. Vom Fischreichtum des Pazifiks sehen wir zwar reichlich Sprünge, aber keine Bisse. 

Also ernähren wir uns von einheimischen Früchten und altbekanntem Obst, das einen weiteren Weg bis zum Pazifik hatte als wir selbst. 
Die Bandbreite des Windes variiert bisher zwischen Flaute und Sturm.

 

09. März 2024, Islas Secas, (Panama) 

 

Der Pazifik vor Panama ist Outback. Kein Internetz, kaum Wind, kaum Schiffe, kaum Einwohner. Auf der Isla Gobernadora streifen wir durch eine Waldsiedlung, die den nicht durch lange karibische Erfahrungen vorbereiteten Mitteleuropäer ob ihrer Armut, ihrer Kargheit und ihres Verfalls in eine bedrückte Stimmung versetzt. 

Der Nationalpark Coiba begeistert dagegen durch wunderschöne Inseln, Ankerplätze, klares und warmes Wasser (bis 30°C mittlerweile!) sowie Korallenbänke, Rifffische und Schildkröten. 

Die unbedarft am Strand für einen kurzen Spaziergang zurückgelassene, frisch geöffnete Kokosnuß ist bei unserer Rückkehr bereits von einem Dutzend Einsiedlerkrebsen besetzt. 

Zwischendurch reinigen wir den Bbd.-Dieseltank von 250ml Wasser und braunem Dreck, flicken mehrmals den Dinghyboden, verbessern die Leinenführung und entdecken, daß eine Luke in der neuen Rückwand des Ruderraums nicht wasserdicht eingesetzt wurde. Will sagen: Arbeit ist genug da. Was fehlt, sind Angelerfolge. Einem Köder wurde zwar der Schwanz abgebissen, ein zweiter ist aber durch Korrosion des Wirbels verschwunden. 

12. März 2024, Boca Chica, (Panama)

 

Wir sind in Boca Chica, unserer letzten Station in Panama angekommen. Es ist sogar das letzte Nest: kein Supermarkt, keine Wäscherei. Die Zollbeamten aus Pedregal machen aber wohl Hausbesuche, um einen auszuklarieren. Der Betreiber der örtlichen Bootswerft will das arrangieren, in zwei Stunden sollen sie kommen. Die Verständigung mit ihm klappt gut, er hat mal in Hamburg gearbeitet und kann akzentfrei „Guten Tag“, „Merkel“ und „Scheiße“ sagen. 

Meine Aufenthaltsgenehmigung von 90 Tagen habe ich um knapp vier Wochen überzogen, darauf steht eine Strafe von 50$, genauso viel kostet auch die fristgerechte Verlängerung des Visums um einen Monat. Um die Strafe zu zahlen und einen Verlängerungsstempel im Paß zu bekommen, muß ich allerdings nach David, das ist die größte Stadt in der Gegend und Sitz der Immigrationsbehörde. Supermärkte und Wäschereien gibt es auch, also mieten wir für 100$ ein Ganztagestaxi. 

Während Ralf und Uwe in einem klimatisierten Cafe´ warten, empfängt der Beamte mich und meinen Betreuer/Taxifahrer/Übersetzer und rechnet eine Strafe von 100$ aus. Als ich freundlich darauf hinweise, daß es doch weniger als 4 Wochen wären, rechnet er nochmal nach und kommt nun tatsächlich auf 50$. Allerdings sieht er sich dazu meinen Paß genauer an und stellt fest, daß ein Ausreisestempel aus Panama für meine Tour im November nach San Andres und Honduras fehlt. Da ich bisher bei meinen Ausreisen nach Deutschland auch auf Nachfrage nie einen Ausreisestempel bekommen habe, habe ich der Sache keine weitere Bedeutung beigemessen. Der Beamte erklärt mit ernster Miene, daß die Ausreise per Flugzeug immer ohne und die per Schiff immer mit Stempel zu erfolgen habe und der fehlende Stempel eine Strafe von 1.000$ nach sich zöge. Zahlbar sofort, 10% in bar, 90% per Karte. Die 50$ für die vier Wochen würde er gleich aufaddieren. Dazu immer der Blick von meinem Besucherstuhl auf sein Wandgehänge. Nach zwei Stunden ist der Vorgang abgeschlossen und ich bin 1.050$ los. Hätte ich doch einfach die anfänglichen 100$ bezahlt…

Ich freue mich schon auf die Fahrt nach Französisch Polynesien, mindestens vier Wochen keine Menschen und keine Uniformen.

17. März 2024, Bahia Drake (Costa Rica)

 

Die Einklarierung in Golfito in Costa Rica ist zwar nicht ganz so teuer wie die Aktion in David, aber die aufwendigste meiner Karriere. Sie erstreckt sich über zwei Tage und beinhaltet den Besuch beim Gesundheitsamt, den Hausbesuch der Direccion de Quarantena Animal an Bord mit eingehender Untersuchung unserer Fleisch- und Wurstbestände (die wir vorsorlich in den Kühlschrank des Hafenrestaurants ausgelagert haben), den Besuch bei der Migrationspolizei, beim Zoll, beim Hafenkapitän und bei der Nationalbank, um die Gebühr des Hafenkapitäns zu bezahlen. Insgesamt kostet es 155$ zuzüglich Kosten für diverse Taxis, mit denen wir vom einen zum anderen fahren müssen.

Golfito ist grün und tropisch, die Verkehrsmittel leiden und altern entsprechend. Auch von meinem Trans-Ocean Wimpel ist nicht mehr viel übrig, ich muß ihn ersetzen. Genau wie die Angelköder, denen regelmäßig die Schwänze und Bäuche abgebissen werden. Vorgestern aber beißt ein Tunfisch etwas weiter vorne und damit auf den Haken. Sofort wird das Operationsbesteck liebevoll bereitgelegt, und da es der erste pazifische Fang ist, entstehen eine ganze Bilderserie, ein Tartar und sechs dicke, gebratene Filets an Aubergine und Paprika.
In der Bahia Drake machen wir einen Dinghy-Ausflug in den Urwaldfluß und nehmen ein herrlich erfrischendes Bad in nur 27° warmem Süßwasser. 

 

22. März 2024, Quepos (Costa Rica) 

 

Costa Rica bleibt hinter den Erwartungen zurück. Die Landschaft ist schön, aber auch nicht schöner als in Panama. Dafür kostet alles mindestens das Doppelte, für eine Nacht in der Pez Vela Marina muß ich sogar 185$ zahlen, mehr als das Zehnfache der Shelter Bay Marina. 

Das Klischee der Tropen wird von Temperatur, Flora und Fauna komplett erfüllt, der Dschungel tönt und ist 35°C heiß, das Wasser hat über 30°C. 

Die Hauptstadt San Jose´ entpuppt sich als glatte Enttäuschung, noch nie habe ich eine häßlichere Hauptstadt gesehen. Die einzigen akzeptablen Gebäude sind das Theater, die Kathedrale und die Post. Meine Söhne haben mich vorgewarnt, aber ich muß ja selber hin, um mitreden zu können (kann ich nun). Außerdem hat Georg hier ein Auslandsschulhalbjahr verbracht, da will ich seine Gastfamilie mal kennenlernen. Schöne Grüße! Da San Jose´ auf über 1.000m liegt, sind die Temperaturen zumindest 10° niedriger. 

Wir besuchen die wuselige Markthalle und finden eine sehr gute und gemütliche argentinische Kneipe mit hervorragender Blutwurst(!) und gefaketem bayerischen Bier. 

Meine Ingenieurscrew fliegt von hier zurück nach Berlin und ich nehme den Bus über die Brücke mit den auf die Touris wartenden Krokodilen zurück zum Boot. Dort empfängt mich intensiver Dieselgeruch. Das liegt daran, daß die Dichtung eines Tanks undicht geworden ist. Das Zeug findet seinen Weg in jede Bilge. Also bin ich zwei Tage damit beschäftigt, seine Wege und es selber zu finden und zu extrahieren. Über 40l erwische ich, weiß aber, daß es Stellen gibt, wo sich noch mehr versteckt, an die ich aber nicht herankomme. Ich kriege die Dichtung auch nicht wirklich dicht und muß wohl, bis ich eine neue mitgebracht bekomme, jeden Tag mit Küchenrolle ran. Nee, Costa Rica bleibt hinter den Erwartungen zurück. 

 

26. März 2024, Pequos (Costa Rica)

 

Die neue Crew trifft nach und nach ein, diesmal ist sie international und kommt aus Ostfriesland und der Schweiz. Mit dem Insulaner unternehme ich schon einen Ausflug in den Manuel-Antonio-Nationalpark. Der Führer findet problemlos exotische Tiere im Gestrüpp, die ich selbst dann nicht erkenne, wenn er sie mir zeigt. Dafür finde ich exotische Tiere im Supermarktregal.

Wir sind schon ziemlich weit mit der Verproviantierung für (bis zu) sechs Wochen, morgen holen wir noch Gemüse, Obst, Fleisch und Brot und die Ausreisestempel. Und in 3 Tagen tief Luft und legen ab.

28. März 2024, Pequos (Costa Rica) 

 

Wir haben uns entschieden, heute loszufahren. Der Wind soll zwar erst morgen kommen, aber morgen ist Freitag, sogar Karfreitag, und an einem Freitag darf der abergläubische Seemann nicht starten. Statt vor Anker dümpeln wir halt heute Nacht auf dem Meer herum. Die weitere Route führt zunächst für mindestens 8 Tage nach Westen, bevor wir dann die innertropische Konvergenzzone (= Kalmengürtel) an einer laut Vorhersage sehr schmalen Stelle nach Süden durchfahren, den Äquator überqueren und mit frischem Südostpassat von der anderen Halbkugel nach Fatu Hiva segeln werden. 

Die Einkäufe sind erledigt, das Schiff liegt tief im Wasser. Die Ausklarierung ist auch erledigt, wir mußten einen Agenten nehmen und 550$ zahlen. Nee, Costa Rica… Aber nun haben wir eine papierene Ausreisebestätigung und jeder einen Ausreisestempel im Paß. Und vier Wochen lang keine Möglichkeit, Geld auszugeben. 


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